Lokalpolitik ist etwas Merkwürdiges. Noch kurz vor der Eröffnung des neuen Schifffahrtsmuseums in Hamburg eskalierte abermals der langjährige Streit, ob die zugrunde liegende Privatsammlung nicht am Ende den Seekrieg verherrliche und deutsche Verbrechen verharmlose. Zwei britische Kanonen vor dem Eingang, der Admiralsstab des NS-Admirals Dönitz in der Ausstellung, dazu vom Schlachtschiff Bismarck eine Originalgranate, zentnerstark! Nur schwächlich dagegen ist in der Öffentlichkeit die politisch entscheidende Frage diskutiert worden, ob die 30 Millionen der Stadt gut angelegt sind, die der Stiftung des Sammlers Peter Tamm zur Verfügung gestellt wurden, um den Kaispeicher B zum Museumsquartier auszubauen. Was erhält Hamburg für das Geld? Jedenfalls weder Eigentum noch kuratorische Kontrolle der Ausstellung.

Aber einen spektakulär schönen Umbau eines alten Hafenspeichers. Die Delikatesse, mit der ein luftiges Treppenhaus durch die flachen Stockwerke gezogen wurde, die Holzdielen geölt, die alten Eisenkonstruktionen wie moderne Designelemente behandelt wurden, ist nicht genug zu rühmen. Aber gilt dies auch für den Inhalt? Über jeden Zweifel erhaben ist nur, was der durchschnittliche Besucher kaum würdigen wird: die Bibliothek mit 120000 Bänden und 50000 originalen Schiffsbauplänen. Das übertrifft selbst die Sammlung des Deutschen Schiffahrtsmuseums in Bremerhaven bei Weitem.

Silbermodelle, Knochenmodelle gibt es und sogar ein Lego-Modell

Schon die reine Ausstellungsfläche des Internationalen Maritimen Museums in Hamburg beträgt mehr als Doppelte des Bremerhavener Hauses. Es gibt in Bremerhaven auch kein Lego-Modell der Queen Mary II von mehr als sechs Meter Länge, keine echtgoldene Miniatur eine Kolumbus-Karavelle keine 36000 sogenannten Wasserlinienmodelle (das sind Nachbildungen im Kleinstmaßstab von 1:1250, die ohne Rumpf mit der Konstruktionswasserlinie auf der Vitrinenfläche stehen). Kurzum, mit allem, was zum Staunen und für glänzende Kinderaugen ist, kann das Tammsche Privatmuseum die Konkurrenz für sich entscheiden. Im Treppenhaus hängt ein Vier-Meter-Modell der Wappen von Hamburg vor einem ins Überdimensionale vergrößerten Ölgemälde der Sammlung – als würde das hanseatische Konvoischiff des 18. Jahrhunderts tatsächlich mit den Wellen des Atlantiks kämpfen.

Für das Kuriose und Kostbare hat das Museum sogar eine eigene Abteilung, die wenig seriös Schatzkammer heißt, aber, wie der Teufel der Juweliere will, tatsächlich allerlei Nippes aus Edelmetall enthält, so zum Beispiel einen silbernen Tafelaufsatz des kaiserlichen Linienschiffes Braunschweig. Es gibt in der Schatzkammer aber auch die ergreifenden Zeugnisse des Seekriegselends, die Knochenmodelle, die von französischen Kriegsgefangenen unter Qualen in den englischen Gefängnisschiffen während der napoleonischen Kriege gefertigt wurden.

Und noch etwas, was in dieser anekdotischen Umgebung eigentlich nichts zu suchen hat: eines jener Konstruktionsmodelle, nach denen ursprünglich, als man noch keine Blaupausen benutzte, Schiffe gebaut wurden, hier das Modell eines Kriegsschiffs Ludwigs XIV. Solche Modelle (ähnlich jenen, nach denen im Mittelalter die Kathedralen gebaut wurden) sind ungeheuer wertvoll, und dass dieses hier für seinen Spektakelwert in die Schatzkammer einsortiert wurde und nicht in die Abteilung Schiffsbau, zeigt vielleicht am besten den Geist des Museums.

Es ist der Geist der touristischen Attraktion, nicht der des Begreifens. Natürlich kann man auch bei Peter Tamm allerlei lernen (unter anderem selbst über Tiefseeforschung), aber dort, wo der Schauwert nicht gewährleistet ist, klaffen bezeichnende Lücken. So lässt sich beispielsweise die Entwicklung der Schiffsantriebe vom Segel über die Dampfmaschine zum Dieselmotor anhand köstlicher, teils funktionsfähiger Modelle verfolgen; aber die Turbine, die optisch wenig hermacht, fehlt, obwohl sie mit den Geschwindigkeitsdimensionen, die sie eröffnet, doch erst die Kriegsschiffentwicklung verständlich macht, die anderswo kursorisch nachgezeichnet wird.