Etwas verunsichert stehen die Besucher zwischen den mannshohen Plexiglasröhren im Hamburger Zentrum für Klimafolgen-Engineering und -Management. Erik Pasche, der Leiter des Zentrums, erklärt gerade, dass Sturmfluten im Jahr 2085 wahrscheinlich etwa 85 Zentimeter höher ausfallen werden, wegen des Klimawandels. »Jetzt gucken wir mal, was das bei Ihnen zu Hause bedeutet. Wo wohnen Sie denn?«, fragt der Professor für Wasserbau. »Neuhöfer Straße 23«, meldet sich eine Frau. Dort habe sie ihren Eisenwarenhandel. Pasches Assistent tippt die Adresse in den Laptop, der Rechner kalkuliert, Pumpen gurgeln los, in den Plastikröhren steigt die Flut. Auf Hüfthöhe stoppt sie. »So sieht das dann bei Ihnen in der Firma aus«, erklärt Pasche. »Da können Sie sich schon mal was überlegen.«

Sich gegen den Klimawandel zu wappnen – das beschränkt sich bislang meist auf die Forderung, möglichst viel des Treibhausgases Kohlendioxid zu vermeiden. Doch jenseits der allgegenwärtigen CO₂-Rhetorik wird noch kaum darüber geredet, wie wir im Alltag auf den Klimawandel reagieren können. Strategien zur weltweiten Reduzierung des Kohlendioxidausstoßes sind notwendig und sinnvoll. Doch ebenso klar ist: Auch wenn die CO₂-Emissionen drastisch reduziert würden, ja, selbst wenn ab sofort kein CO₂-Molekül mehr aus Schornsteinen und Auspuffen käme – das Klima würde sich trotzdem weiter verändern. Und darauf müssen wir uns einstellen.

Dass sowohl Vermeidung als auch Anpassung nötig sind, dämmert nicht nur den Besuchern des – deutschlandweit einmaligen – Klimafolgen-Zentrums in Hamburg. Auch die Politik erkennt allmählich, dass der Klimawandel konkrete Gegenmaßnahmen erfordert. Das Umweltbundesamt arbeitet derzeit an einer Deutschen Anpassungsstrategie, im Herbst soll sie fertig sein. Die Europäische Kommission hat ein Grünbuch zur Anpassung an den Klimawandel in Europa herausgegeben. Und langsam kommt die Forschungsförderung ins Rollen. Das zuständige Bundesministerium unterstützt neben Vermeidungsmaßnahmen nun auch Anpassungsprojekte unter dem Namen klimazwei; und das Programm Klimzug soll regionale Klimavorsorgeforschung fördern.

Die Anpassungsforschung hat enormen Nachholbedarf. Während Dutzende Lehrstühle, Forschungsinstitute und Entwicklungsabteilungen dabei sind, CO₂-Sparmaßnahmen zu erdenken und in die Tat umzusetzen, existierte eine Adaptationsforschung bisher nur für altbekannte Gefahren, zum Beispiel im Wasserbau. Es lohnt sich, die Gründe für dieses Ungleichgewicht näher anzusehen, denn sie sind hartnäckig und werden die Anpassung an den Klimawandel auch in Zukunft erschweren.

Der Nobelpreisträger Al Gore geißelte die Anpassung als »eine Art Faulheit«

Es beginnt damit, dass die Anpassung ein Imageproblem hat. Schon der Begriff klingt wenig aufregend, nach reiner Reaktion und Instandhaltung. Al Gore geißelte die Adaptation gar als »eine Art Faulheit« und »arroganten Glauben in unsere Fähigkeit, rechtzeitig zu reagieren, um unsere Haut zu retten«. Einzelne Wissenschaftler wie der Klimaforscher Hans von Storch und der Soziologe Nico Stehr kämpfen seit Jahren gegen die Schmähung der Vorsorge – mit mäßigem Erfolg. »In der öffentlichen Diskussion wird bis auf den heutigen Tag nur die Vermeidung als tugendhaft dargestellt, selbst wenn sie sich meist auf rein symbolisches Tun wie autofreie Sonntage beschränkt«, schreiben die beiden Forscher in einem Manifest zum Klimaschutz. Gehör finden vor allem jene Klimaforscher, die Katastrophenszenarien entwerfen und als Gegenmittel allein die Vermeidung propagieren. Stimmen, die zu bedenken geben, dass sich der Klimawandel gar nicht mehr vollständig verhindern lässt, sind weit weniger laut.

Doch das Prestigedefizit könnte sich noch als das geringste Hindernis erweisen. Zwei andere Probleme, die sich der Anpassung an den Klimawandel in den Weg stellen, sind wesentlich widerspenstiger: Zum einen ist nicht klar, wo sich das Klima wie genau ändern wird, und zum anderen werden sich viele Anpassungsstrategien gegenseitig ins Gehege kommen. Anders als bei der Vermeidung gibt es bei der Adaption eben nicht nur ein Ziel (CO₂ runter!), sondern so viele Ziele wie Folgen des Klimawandels. Und was dem Hochwasserschutz nutzt, kann zum Beispiel der Trinkwasserversorgung schaden.