Wie kann es nur sein, dass einer wie er hinabstürzt ins dunkle Vergessen? Und woran mag es liegen, dass er ausgerechnet jetzt, nach 450 Jahren, wieder ans Licht tritt? Sebastiano del Piombo war einer der wichtigsten Künstler der Renaissance, er war Giovanni Bellinis Schüler und Giorgiones Partner, war Raffaels ärgster Konkurrent und einer der besten Freunde Michelangelos. Seine Zeitgenossen feierten ihn als felix pictor, als glücklichen Maler, und kürten ihn zum größten Porträtisten seiner Zeit. Doch kaum war er gestorben, verflog sein Ruhm. Selbst die Kunsthistoriker hatten ihn lange vergessen, und wenn sie ihn nicht vergessen hatten, dann spotteten sie über ihn, nannten ihn einen verweichlichten, arbeitsscheuen Maler, der üppige Gelage liebte und gerne auf der Laute herumzupfte, sich aber vor dem Malen zu fürchten schien und seine Vorzeichnungen lieber von Michelangelo machen ließ. Sebastiano galt nicht als wahres, er galt als unwahres Genie, und nie kam jemand auf die Idee, seine Bilder einmal in einer großen Ausstellung zu versammeln. Erst jetzt ist es so weit. Schluss mit dem Vergessen! Das Wundern kann beginnen.

Offenbar machen Worte blind, offenbar betäuben uns die Anekdoten, offenbar sind Kunsthistoriker mächtiger als Kunstwerke. Wie ließe sich sonst erklären, dass all diese Bilder und Zeichnungen, die zunächst in Rom gezeigt wurden und nun in Berlin zu sehen sind, so lange im Abseits hingen, ja dass viele von ihnen sogar anderen Künstlern zugeschrieben wurden, Raffael zum Beispiel, weil man sie Sebastiano nicht zutraute?

Michelangelo war sein Freund, Raffael sein schärfster Konkurrent

Seine Geschichte ist die Geschichte einer großen Verblendung, und es sind vor allem die Berichte des Giorgio Vasari, des Urvaters der Kunsthistoriker, die über Jahrhunderte den Blick auf Sebastianos Bilder verstellten. Vasari huldigte der einsamen Größe, dem strebenden Genie, und wer nicht in sein Heldenschema passte, musste damit rechnen, als weibischer Nachäffer geschmäht zu werden. Sebastianos Werke passen tatsächlich nicht ins Schema; um das zu erkennen, reicht schon ein eiliger Gang durch die Ausstellung. Seine Kunst ist vielgesichtig, auch widersprüchlich. Es ist die Kunst eines Fremden, eines Weltenwechslers.

Vor allem deshalb galten seine Bilder lange als minderwertig, und wohl vor allem deshalb erscheinen sie heute als besonders reizvoll. Mal sind Sebastianos Farben wunderbar sanft, fast als schwebten die Pigmente über dem Bild. Dann wieder erwacht der Künstler aus seinen nebelweichen Träumen, sein Blau wird hart, kalt das Grün. Und manchmal ist in ein und demselben Bild auch beides aufgehoben: die Lust am Präzisen, am rationalen Aufzeichnen der Wirklichkeit, und ebenso das, was sich nicht vermessen, als Linie und Fläche aufmalen lässt, das Schwebende, ein Gefühl. Weltdurchdringung und Weltentrückung, beides findet bei Sebastiano zusammen.

Zum Beispiel in dem Bildnis des Ferry Carondelet mit seinen Sekretären, einem Porträt, das ungewöhnlicher kaum sein könnte. Nicht ungestört, nicht stolz posierend, nein, mitten bei der Arbeit zeigt Sebastiano den Gesandten des habsburgischen Kaisers. Lauter zerknitterte Zettelchen liegen auf seinem Tisch herum, eilige Depeschen vermutlich, und gerade sitzt der Schreiber, rechts im Bild, an einer Antwort, schaut auf, als warte er gespannt auf den nächsten Satz des Diktats, doch blickt er seinen Herrn nicht an, sondern an ihm vorbei, schräg nach hinten, dorthin, wo ein weiterer Diener wartet, der seinerseits neugierig schaut, uns entgegen. Man könnte sagen, dieser Diener sieht uns beim Sehen zu: wie unsere Augen neugierig die Muster des Teppichs abtasten, zärtlich den Luchspelz des Diplomaten streifen und an seinen Stirnlocken hängen bleiben, die frech unter der Mütze hervorlugen. Der Einzige, der hier nichts zu sehen scheint, ist Ferry selbst. Nichts scheint er wahrzunehmen von all den Farben und Formen, nichts vom eiligen Treiben rund um ihn her. Sein Gesicht leuchtet hell, und doch ist er ganz in sich versunken.

In gewisser Weise ist dieses Bild für Sebastiano auch ein Selbstporträt, denn das will er sein: ein Künstler der Schaulust und der Gedankentiefe, im Zentrum des Geschehens und doch aus ihm herausragend. In Venedig, seiner Heimat, lernte er sein feines Leuchten, eine Malerei der Farbempfindungen. In Rom dann, wo er sich 1511 niederließ, öffnete sich seine Kunst für das Klare und Scharfe, auch für das Heldische. Damals lagen Welten zwischen Venedig und Rom, auch künstlerische. In der einen zählte vor allem colorito, eine lebendige, atmende Farbe; in der anderen wird das disegno gepriesen, der Entwurf, das geistige Konzept eines Kunstwerks. Beide Schulen zu vereinen und so Natur und Kultur, Fühlen und Denken nicht länger als unüberwindliche Gegensätze zu begreifen, das erschien unmöglich. Bis Sebastiano kommt und das Gegenläufige zu seiner Kunst macht.