Es ist eine harte Nuss, die Simon Stulhofer hoch über den Dächern Berlins knacken will. Stulhofer, 26, Zahnarztsohn aus Gera und Student, steht neben Semih Bilgiç, 12, aus Berlin-Kreuzberg, dessen Vater Arbeit als Kfz-Mechaniker sucht. Simon Stulhofer zeigt nach Süden, wo sich ein Flieger in die Wolken schiebt, und erzählt vom Flughafen Tempelhof. Er kämpft gegen die Stille, erklärt das Holocaust-Mahnmal im Norden und schwärmt vom Tiergarten im Westen. Und Semih? Der steht neben Stulhofer, den Kopf leicht gesenkt, die Hände tief in den Seitentaschen seiner Kapuzenjacke. Sagt manchmal leise Ja oder schnalzt kurz mit der Zunge – das heißt Nein.

Was die beiden zusammengebracht hat, ist der Versuch, die großen Probleme des Bildungswesens im Kleinen zu bekämpfen: die oft kritisierte Praxisferne der Lehrerausbildung, die schlechten Deutschkenntnisse und mangelnden Perspektiven von Migrantenkindern aus sozialen Brennpunkten. Hier setzt das Projekt »Nightingale« an. Die simple Idee: Angehende Lehrer, die wie Stulhofer Grundschulpädagogik an der Freien Universität Berlin studieren, treffen sich ein Jahr lang mit Schülern der Otto-Wels-Grundschule in Kreuzberg, auf der neun von zehn Kindern aus Migrantenfamilien stammen. Die Schüler sollen neue Perspektiven und Vorbilder bekommen, die Studenten eine Vorstellung von den Lebenswelten ihrer zukünftigen Schüler. Stulhofer und Semih sind eines von 13 Paaren aus Studenten und Schülern. Sie treffen sich seit September wöchentlich, waren beim Indoor-Klettern, im Hallenbad und im Technikmuseum. Heute erkunden sie die Dächer am Potsdamer Platz.

Von Semihs Lehrern wusste Stulhofer bereits, dass der Sechstklässler verschlossen ist. Heute ist es besonders schwer. Aber der Student gibt nicht auf. Er erzählt vom Bürgerbegehren zum Flughafen Tempelhof, dann vom Urlaub auf Mallorca. »Ich will Semih anbieten, Neues kennenzulernen und Interesse zu entwickeln«, sagt er später. »Ob er es annimmt, muss er selbst entscheiden.« Noch schweigt Semih, doch er hört genau zu. Wenn der Student im Stakkato Berlin erklärt, sind seine Augen weit aufgerissen, der Mund ist es auch.

Das Einzugsgebiet der Otto-Wels-Grundschule ist nicht das Kreuzberg der Kreativen und der Altbauten mit ausgebauten Dachgeschossen. Hier dominieren graue Wohnblöcke aus den Sechzigern. Vier von fünf Kindern der Grundschule kommen aus türkischen Familien. Drei Viertel aller Eltern haben kein Geld, die Schulbücher zu bezahlen. »Wir haben ein Migranten- und ein Schichtenproblem«, sagt Schulleiterin Christiane Steimer-Ruthenbeck. »Viele Mütter sprechen kaum Deutsch, vermutlich sind viele Analphabeten.« Ein Großteil der Schüler hat Schwierigkeiten, einfachste deutsche Texte zu verstehen.

So auch Semih. Für Steimer-Ruthenbeck ist der Sechstklässler »ein klassisches Beispiel für ein Kind, das zu Hause nicht gefördert wird«. In den ersten Jahren kaum auffällig, sei er später immer weiter zurückgefallen. In Mathe bringt Semih zwar schon mal eine Zwei nach Hause. Aber Textaufgaben, egal, in welchem Fach, bereiten ihm große Schwierigkeiten. Steimer-Ruthenbeck, seit 1975 an der Schule, kennt die Probleme ihrer Schüler: »ganz große Sprach- und Verständnisdefizite, kaum feste Tagesabläufe sowie begrenzte Möglichkeiten, soziale Kontakte zu knüpfen«. Und: Viele Kinder kommen fast nie aus ihrem Viertel raus. Das sollen die Tandems aus Studenten und Schülern ändern. »Wenn ihnen die eigene Familie bestimmte Dinge nicht zeigt, muss es jemand von außen tun«, sagt die Schulleiterin. Nebenbei verbessern die Kinder ihre Deutschkenntnisse und lernen Vorbilder außerhalb von Familie und Schule kennen.

Eine Lehrerin brachte die Idee 2004 von einer Schwedenreise mit. In Malmö treffen sich seit mehr als zehn Jahren Studenten mit Migrantenkindern. Der Projektname: Nightingale – wie die Nachtigall, die so schön singt, wenn sie sich sicher fühlt. Zwei Lehrer der Otto-Wels-Grundschule nahmen Kontakt zu den Grundschulpädagogen der Freien Universität auf. Petra Wieler, die dort den Arbeitsbereich Deutsch leitet, war von der Idee begeistert. Sie begleitet seitdem das Projekt wissenschaftlich und organisierte EU-Fördergelder. Ende 2005 starteten die ersten sechs Tandems.

Nun läuft der dritte Durchgang. Den Studenten verschafft das Projekt den notwendigen Praxisschock. Was der viel zitierte Migrationshintergrund konkret bedeutet, »das lernt man in der Uni nicht«, sagt Simon Stulhofer. Aber als Lehrer wird er mit solchen Kindern umgehen. Nun bekommt er einen Einblick in ihr Leben. Über sein Tandem mit Semih wird Stulhofer eine Hausarbeit schreiben – so sammelt er gleich noch einen Leistungsschein. Und was haben die Schüler davon? »Sie merken, wie gut es ihnen tut, wenn sich eine feste Person um sie kümmert«, sagt Nicole Fandke, Semihs Klassenlehrerin. »Wer kriegt einen Studenten ab?«, das sei ein typischer O-Ton in der Klasse. Jedes Schuljahr wählen die Lehrer neue Schüler aus. Die Eltern müssen zustimmen. Bisher gab es nur einen Vater, der nicht wollte, dass seine Tochter mitmacht.

Doch ein Allheilmittel ist das Projekt nicht. Das weiß auch Nicole Fandke: »Diese Kinder haben so viele Baustellen im Leben, die man mit einem Termin in der Woche gar nicht auffangen kann.« Aber sie sieht viele kleine Veränderungen. Ilknur traue sich, mehr im Unterricht zu sagen. Funda habe durch die Ausflüge endlich die Möglichkeit, in der Klasse von einem Erlebnis zu erzählen. »Die beteiligten Schüler werden alle offener«, hat die Lehrerin beobachtet. Für Semih sei es »wie ein Ritterschlag« gewesen, als sie ihn ausgewählt habe, sagt Fandke. Seit er mit Stulhofer die Stadt erkunde, habe auch er sich verändert. »Er ist weniger aggressiv und nicht mehr komplett verschlossen. Jetzt lacht er auch mal herzlich in der Klasse.«

Auch hoch oben auf dem Potsdamer Platz ist Semih lockerer geworden. Was ihm am besten gefallen habe an den Stunden mit Simon? Er überlegt eine Weile. »Das Gruselkabinett.« Da waren sie vor zwei Wochen, und der Student hatte mehr Angst als der Sechstklässler. Zumindest hat er so getan. Stulhofer sieht sich Semih gegenüber nicht als Lehrer, der ein bestimmtes Ziel erreichen will. »Aber wenn ich es schaffe, bei ihm Interesse für etwas anderes als Autos und Handys zu wecken, dann hat es sich gelohnt«, sagt er. Nächste Woche geht es trotzdem in die Autosalons Unter den Linden. Dort bringt er Semih schneller zum Reden, hofft der Student.

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