Spartacus heißt der Prozess, der in diesen Tagen mit dem Urteil des Berufungsgerichts in Neapel zu Ende gegangen ist. Es ist das wichtigste Verfahren gegen die Camorra in den letzten zwanzig Jahren: 16 der 37 Angeklagten wurden zu lebenslanger Haft verurteilt – die Bosse Francesco "Sandokan" Schiavone und Francesco Bidognetti, die Paten des mächtigen Casalesi-Clans aus dem Dorf Casal di Principe nördlich von Neapel, dazu ihre Statthalter sowie die derzeitigen Clan-Chefs Antonio Iovine und Michele Zagaria, die beide auf der Flucht sind.

Spartacus: Der Name ist kein Zufall. Er erinnert an den thrakischen Gladiator, der im Jahr 73 vor Christus gegen Rom aufbegehrte. Dass ein Prozess den Namen eines rechtlosen Sklaven trägt, der das mächtige Rom herauszufordern wagte, ist in der Justizgeschichte einzigartig. Dahinter steht die Vorstellung, das Gesetz vermöge dieses unterdrückte Land aus der Umklammerung der mafiösen Clans und des kriminellen Unternehmertums zu befreien. Und der Traum, ein Prozess könne eine ganze Region, Kampanien, zum Aufstand bewegen – mit dem Ziel, endlich dem Rechtsstaat wieder Achtung zu verschaffen.

Der Spartacus-Prozess ist das Ergebnis jahrelanger Ermittlungen der Antimafia-Staatsanwaltschaft Neapel. Es handelt sich dabei nicht, wie ein Großteil Italiens und Europas immer noch meint, bloß um das x-te Verfahren gegen eine Bande süditalienischer Krimineller. Die Prozessakten, die Anhörungen und die Angeklagten zeugen vielmehr vom Kampf gegen ein schattenhaftes Imperium, das als eine der Herzkammern der italienischen Wirtschaft gelten muss.

Rafaello Magi heißt der Richter, der das erst- instanzliche Urteil im Spartacus-Prozess geschrieben hat. In seinen Unterlagen finden sich die Beweise für all die lukrativen Geschäfte und öffentlichen Aufträge, an denen sich der Casalesi-Clan bereichert hat. Dazu gehören zahlreiche Straßenbau-Projekte bis hin zur Autobahn A1 Rom–Neapel und sogar das Gefängnis von Santa Maria Capua Vetere: Die Casalesi bauten das Gefängnis, in dem später ihre eigenen Leute einsitzen sollten.

Der Clan der Casalesi hat Angst. Zum ersten Mal

Systematisch haben die Bauunternehmen, Hotels und Transportfirmen der Clans öffentliche Gelder abgesaugt, Staatsbeamte erpresst und sind so zu den führenden Unternehmen Italiens geworden. Ihre Broker investieren und bauen heute in der ganzen Welt. Nach Schätzungen der Antimafia-Bezirksdirektion haben die Geschäfte des Casalesi-Kartells derzeit einen Jahresumsatz von 30 Milliarden Euro – nicht Millionen, sondern tatsächlich Milliarden. Ein Großkonzern, der überall mitmischt. Der in den Immobilienmarkt von Parma investiert, im Mailänder Stadtzentrum baut und Giftmüll aus ganz Norditalien entsorgt.

Im Zentrum des Spartacus-Prozesses stehen die Ereignisse seit dem Tod des legendären Casalesi-Bosses Antonio Bardellino 1988. Es hat fast zehn Jahre gedauert, die Verbrechen aufzuklären und das Verfahren in erster Instanz im Jahr 2005 abzuschließen. Damals wie heute mussten Justiz und Polizei eine gigantische Operation in Gang setzen. Rund 200 Carabinieri und Polizisten, Minenhunde, Scharfschützen, Polizeistreifen, Hubschrauber schützten den Prozess. 1300 Angeklagte. 626 Verhandlungstage, 508 Zeugen, dazu 24 "Reuige", die mit der Justiz kooperierten, 6 davon Angeklagte. 90 Ordner mit Ermittlungsakten. Ein Hauptermittlungsverfahren, das Dutzende Parallelprozesse nach sich gezogen hat wegen Mordes, illegaler Auftragsvergaben, Drogen, Staatsbetrug.