Die erste Platte, die mein Leben veränderte, war ein Kinderhörspiel des Berliner Grips-Theaters. Die Geschichte hieß Mensch Mädchen! und handelte davon, dass auch Mädchen eine Rakete bauen können. Meine beiden Schwestern haben mir diese Platte gut 600 mal vorgespielt. Gern sangen sie dabei lautstark die Lieder mit, etwa Mädchen sind genau so schlau wie Jungen. Es mag an dieser feministisch-musikalischen Früherziehung gelegen haben, dass ich dann im Alter von zehn Jahren mein Taschengeld in das Album True Blue von Madonna investierte, meine erste selbst gekaufte Kassette. Mit Songs wie Papa Don’t Preach terrorisierte ich in der Folge die Familie.

Für jede Phase der Jugend gab es neue Platten, jede Veränderung hatte ihren Soundtrack. Es gab eine frühe Phase mit Art Tatum und Miles Davis und eine mit den Platten, die ich bei meinen Eltern entdeckte, die sie vor meiner Geburt gehört haben mussten. Darunter besonders kostbar: Kick Out The Jams von MC 5. Ein noch nie gehörter harter Sound. Diese Musik war ein Versprechen, dass es da draußen Wildes zu entdecken galt.

Ein echtes Erweckungserlebnis lieferten 1988 dann aber Public Enemy. Ich weiß leider nicht mehr, woher ich den Tipp bekam. Ich weiß nur noch, dass es die erste CD war, die ich mir kaufte. Und zwar nicht in einem jener coolen Plattenläden, von denen ich noch nichts wusste, sondern bei World of Music in der Münchner Kaufingerstraße.

Aufgeregt betrachtete ich auf dem Nachhauseweg das Logo der Band, einen Polizisten in einem Fadenkreuz, las im Booklet die teilweise kryptischen Texte und die sehr eingängigen Parolen: Die Freiheit sei eine Straße, die selten von der Mehrheit bereist würde, stand da etwa. Auf dem Cover sah man den bös dreinblickenden Rapper Chuck D und seinen Kompagnon Flavour Flav, der eine große, holzgerahmte Küchenuhr um den Hals trug und damit die Rolle des verrückten Clowns übernahm. Die Songtitel lauteten Louder Than A Bomb und Bring The Noise. Und so kam es dann auch, als ich die CD daheim abspielte. Es ertönten Sirenen. Ein Mann verlautbarte: "The Revolution will not be televised". Dazu der Bass. Das hysterische Gescratche. Eine Musik für den Ausnahmezustand. Und noch mehr Parolen: Power To The People!, Party For Your Right To Fight! Man konnte dazu nicht ruhig bleiben, musste mit der Faust in die Luft boxen oder im Rhythmus mit dem Kopf wackeln – was auf Außenstehende, die Schwestern, sehr lächerlich wirkte. Aber Public Enemy ging es um mehr als ums Kopfwackeln. Es wurden schwarze Vordenker zitiert, Anspielungen auf Befreiungsideologien gemacht, denen ich nachzugehen versuchte. Wieso begeisterte sich ein bleiches, zwölfjähriges Bürschlein für die Black Panthers des Hip-Hop? Was hatte Black Power im Münchner Umland zu suchen? Diese Musik war mein Soundtrack zum Widerstand, egal, gegen welche Autoritäten. Selbst die peinlichen Macho- und Militanz-Gesten von Public Enemy waren für den vom Grips-Theater Sozialisierten neu.

Heute ist ein Schwarzer amerikanischer Präsidentschaftskandidat. Und manchen Parolen von Public Enemy vertraue ich noch: Don’t Believe The Hype!, lautet eine.

Public Enemy: It Takes A Nation Of Millions To Hold Us Back (Def Jam Recordings, 1988)