Die pakistanische Tageszeitung Dawn machte vor einer Woche mit einer dramatischen Geschichte auf: Peschawar, die Hauptstadt der Nordwestprovinz (NWFP), sei von militanten Islamisten umstellt. "Peschawar befindet sich im Ausnahmezustand", zitierte das Blatt einen hohen Beamten, "und wenn Peschawar fällt, fallen danach wie Kegel auch die anderen NWFP-Distrikte."

Die Nachricht schlug auch im Westen hohe Wellen. Denn ein zentraler Nachschubweg der Nato-Truppen in Afghanistan führt durch Peschawar an die pakistanisch-afghanische Grenze. Die Vorstellung, diese Route könnte in Zukunft von radikalen Islamisten kontrolliert werden, muss die Nato-Führung ernsthaft beunruhigen.

Ungeachtet der aktuellen Ereignisse hält sich im Westen generell die Furcht, in Pakistan könne eine islamische Revolution ausbrechen. In keinem Land gibt es so viele militante islamistische Organisationen wie hier. Sie sind das Produkt des Krieges in Afghanistan.

Weil die pakistanische Armee in den achtziger Jahren nicht direkt im Nachbarland gegen die sowjetischen Truppen intervenieren konnte, bildete sie islamistische Kampftruppen aus, die den Afghanen zur Seite standen. 1994 übernahmen die Taliban die Macht in Kabul. Auch sie waren ein pakistanisches Produkt, sie bestanden aus afghanischen Flüchtlingen, die in den Madrasas der Nordwestprovinz und in Karatschi radikalisiert worden waren.

Bis heute pflegen pakistanische Islamisten enge Kontakte zu ihren Brüdern im Nachbarland. Sie unterstützen den Kampf der Taliban gegen die Nato – wie auch Teile des pakistanischen Militärs sowie des Geheimdienstes Isi. Das behauptet zumindest der bekannte pakistanische Journalist Ahmed Rashid in seinem jüngst erschienenen Buch Descent Into Chaos. Laut Rashid sind die Kontakte zwischen pakistanischem Militär und den Taliban nie abgebrochen worden – trotz amerikanischer Forderungen, das zu tun.

Es gibt zynische Beobachter in Pakistan, die Präsident Pervez Musharraf unterstellen, er wolle die Taliban gar nicht in die Knie zwingen. "Mir kann keiner erzählen, dass die pakistanische Armee nicht in der Lage sein soll, den Aufstand der Islamisten niederzuschlagen", sagt Hayder Iqbal, Rechtsanwalt und Menschenrechtsaktivist in Karatschi. "Wir reden hier von einer Armee von 600000 Mann!" Die pakistanischen Taliban hingegen zählten nur ein paar Tausend.

Hayder Iqbals These: Musharraf brauche das islamistische Bedrohungsszenario, um weiter Geld aus Washington zu bekommen. Er könne den Amerikanern damit vor Augen halten, wie die Alternative zu ihm aussähe. Zehn Milliarden US-Dollar haben sich die Amerikaner die Loyalität Musharrafs in den vergangenen Jahren kosten lassen.