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Die Mitarbeiter des Kölner Rheingold-Instituts betreiben "qualitative Markt- und Medienanalyse". Sie wenden also viel Zeit auf zum Beispiel für die Untersuchung von "Colorcodes", die etwas "über unsere Kultur aussagen". Zu den neuesten Erkenntnissen gehört: Suppen gibt es nun auch in weißen Tüten, ebenso wie Katzenfutter (beispielsweise die Marke Perfect Fit In-Home, "für gemütliche Salonlöwen"). Vor allem aber hat Rheingold herausgefunden, wem wir die neue Weißheit letztlich verdanken: al-Qaida und dem 11. September!

Gut, man traut Osama bin Laden einiges zu, aber den Bogen zum Futter können nur wenige schlagen. "Mit einem Mal bemerkten wir, dass es noch grundlegendere Werte gibt, die uns etwas bedeuten", berichtet das Institut in seinem Newsletter. "Im Gegensatz zu bestimmten muslimischen Glaubensgruppen ist uns unser Leben lieb."

Klar: Als die Türme fielen, lagen drei Fragen nahe: Wie viele Tote sind zu beklagen? Gibt es Krieg? Und wann kommt der Farbrelaunch bei Katzenfutterverpackungen? Zunächst setzten sich Blau und Braun durch, freilich nicht beim Katzenfutter, sondern bei Fernsehstudios, die von Rheingold ebenfalls analysiert werden ("Im Packungsbereich fand sich hier kaum eine Entsprechung"). Endgültig brach das neue und frische Ganz-in-Weiß-Zeitalter zur Fußball-WM an: "Zum ersten Mal gelingt auch der Weißglasflasche im Biermarkt der Durchbruch." Al-Qaida, Neuanfang, Bier, Katzenfutter. Danke, Osama! In welchem Zustand wäre unser Land, müssten Kätzchen aus blauen oder gar braunen Tüten speisen? Und in welchem könnte es sein, wenn wir etwas mehr Zeit hätten, uns mit anderen Fragen zu befassen? Marcus Rohwetter