Pater Karl hat ein silbernes Handy am Ohr, einen Terminkalender, dicker als der der Bundeskanzlerin, und vor allem keine Zeit. Gerade erst ist er von einer Podcast-Aufnahme aus Wien zurückgekehrt, die nächsten Reporter scharren mit den Füßen, sein Telefon klingelt im Sekundentakt. Und dann tagt heute auch noch das Kapitel, die monatliche Hauptversammlung der Mönche. "Es ist schon ein Spagat", sagt Pater Karl.

Man kann dieser Tage alles Mögliche finden im barocken Innenhof der Abtei Heiligenkreuz mit ihrem zweistöckigen Bogengängen und der Dreifaltigkeitssäule in der Mitte – nur keine klösterliche Abgeschiedenheit. Reisegruppen aus Japan, Italien, Spanien treten einander auf die Zehen, in der Einfahrt verlegt ein Fernsehteam fröhlich pfeifend Schienen für die Kamera. Und als sich die Mönche um zwölf Uhr zum Chorgebet der Terz und Sexta einfinden, ist die Kirche bis auf den letzten Platz besetzt. Eine erwartungsvolle Anspannung liegt über den Besuchern, wie vor einem Rockkonzert. Das Zisterzienserkloster Heiligenkreuz, bald 900 Jahre alt und 15 Kilometer westlich von Wien gelegen, war immer schon eine Touristenattraktion, aber seit dem 16. Mai läuft der Rummel hier noch ein paar Umdrehungen schneller. An diesem Tag erschien ein Album mit gregorianischem Gesang der Mönche, das in kürzester Zeit bis auf Platz sieben der britischen Charts kletterte und in Österreich schon Platinstatus erreicht hat. Und jetzt will einfach jeder ein Interview mit Pater Karl, dem überarbeiteten Sprecher der Popstars aus dem Kloster.

"Schnell schnell Karl" lautete die Betreffzeile der Mail, mit der damals alles begann. Ein Freund hatte sie geschickt, darin ein Link zur englischen Homepage irgendeiner Organisation, die dringend einen gregorianischen Mönchschor für CD-Aufnahmen suchte. "Ich hielt das für so einen kleinen walisischen Trachtenverein", sagt Pater Karl. Er schrieb eine kurze Mail und dachte sich nicht viel.

Der gar nicht so kleine Verein ist auch bekannt als Universal Music, mächtigster Musikkonzern der Erde, und verdient sein Geld normalerweise mit eher dem Weltlichen zugewandten Künstlern wie 50 Cent, Eminem und Rammstein. Die Manager waren begeistert von den Hörproben auf der Heiligenkreuz-Homepage, vor allem aber von einem Video der singenden Mönche, das ein Mitbruder in das Internetportal YouTube gestellt hatte.

"Wir haben uns gegen Hunderte von anderen Klöstern durchgesetzt", sagt Pater Karl mit einem triumphierenden Blitzen in den Augen, um sogleich sanft hinzuzufügen: "Aber man muss demütig bleiben." Er ist ein groß gewachsener Mann mit überaus langen, spitzen Ohren und einer randlosen Brille, gekleidet in die Ordenstracht der Zisterzienser: dem weißen Habit und einem schwarzen Überwurf, dem Skapulier. Der Choral, erklärt er, sei für die Mönche nicht Musik, sondern gesungenes Gebet. "Die Aufnahmen leben von der Euphorie des Religiösen."

Dennoch gefallen die Klänge nicht nur Strenggläubigen: Immer wieder schafft es der gregorianische Choral in die Hitparaden, mal grässlich unterlegt mit Drumcomputer und Synthesizern wie in den neunziger Jahren bei dem Projekt Enigma, mal im Original wie im Fall der Mönche von Heiligenkreuz. Der mehr als tausend Jahre alte Gesang, einstimmig und lateinisch, kommt ohne jede Begleitung aus, ohne Harmonik, Dynamik und auch nur den geringsten Spannungsbogen. Das kann man als langweilig empfinden oder als Ausdruck von großer spiritueller Kraft.