Er steht auf einem Gerüst, ein Megafon in der Hand, vor ihm ein Heer von Komparsen, bis zu den Hüften im Wasser: Der Regisseur Fritz Lang dreht die Überflutungsszene von Metropolis. Er braucht dazu 14 Tage – und für den gesamten Film mehr als ein Jahr, bis Oktober 1926. Doch der bis dahin teuerste deutsche Film wird ein Misserfolg bei Kritikern und Publikum, auch in den USA. Der große spanische Regisseur Luis Buñuel nennt ihn kurz nach Erscheinen "trivial, schwülstig, pedantisch". Warum beschäftigt uns der Film trotzdem bis heute?

Es ist weniger die Story, die im Gedächtnis bleibt. Es ist die Tricktechnik, es sind die Bilder, die so viele Filmemacher inspirierten – und die Anekdoten, die sich um seine Entstehung ranken. Tausende von Statisten! Streit mit dem Produzenten! Die Ufa kurz vor dem Bankrott! Als Lang für eine Szene 6000 kahlköpfige Statisten verlangt, ist es erst nicht möglich, genügend Menschen zu finden, die bereit sind, sich eine Glatze schneiden zu lassen. Schließlich spielen echte Arbeitslose die geschundene Arbeiterschaft. Das würde heute als schlechte PR gelten – von der jeder weiß, dass sie nicht unbedingt schadet.

Im Januar 1927 ist Premierenfeier im Berliner Ufa-Palast, sie wird zu einem gigantischen Fest: Es kamen 1200 Gäste, darunter der Reichskanzler Wilhelm Marx, das Buch zum Film war in Schweinsleder gebunden. Lang weiß, wie man sich ins Gespräch bringt. Als er Metropolis dreht, ist der gebürtige Wiener 35 Jahre alt und ein Star des deutschen Kinos. Mit Filmen wie Dr. Mabuse, der Spieler hat er sich etabliert, nun gibt ihm die Produktionsfirma Ufa freie Hand. Auch wegen des Metropolis- Fiaskos ist sie bald vom Bankrott bedroht, sie wird an den rechtsnationalen Medienmogul Alfred Hugenberg verkauft. 1931 dreht Lang seinen ersten Tonfilm, M – eine Stadt sucht einen Mörder. 1934 emigriert er in die USA. Er erzählt, Joseph Goebbels habe ihm zuvor die Leitung des deutschen Filmwesens angeboten – eine Geschichte, die der Rezeption von Langs Werken wohl auch nicht geschadet hat.

Dass Metropolis zu einem anderen Film umgeschnitten wurde, die Originalfassung aber verloren ging, hat die Legendenbildung befördert. Noch zu Langs Lebzeiten, er starb 1976, begann die Restaurierung. Als das verbliebene Material 2001 mit riesigem Aufwand wiederhergestellt wurde, dachte die Welt des Films, Metropolis sei endgültig zur Ruhe gekommen. Seine Kraft, neue Mythen zu produzieren, sei versiegt. Bis eine Argentinierin drei verstaubte Filmdosen fand. JB / MS

Fritz Lang (ganz links), meist mit Monokel und im Anzug, war bei der Arbeit ein Perfektionist, im Studio dirigierte er Hunderte von Statisten (oben). Das visionäre Design des Films prägte auch das Filmplakat (links). Rechts: Der berühmte Maschinenmensch und das im Film benutzte Fantasiegeld

Fotos ––– Stiftung Deutsche Kinemathek (4), akg-images