"Niemand darf seine Wurzeln vergessen. Sie sind der Ursprung unseres Lebens"

FEDERICO FELLINI

einer der größten italienischen Filmregisseure, starb im Jahre 1993 in Rom

Als Heinrich Reinhold, dieser deutsche Ausnahmeromantiker im Jahre 1819 nach Italien reiste, verfiel er auf der Stelle dem Licht des Südens. In kleinen Ölstudien, direkt in der Natur entstanden, ganz getrieben von dem Eindruck des Augenblicks, feierte er mit meisterhaftem Strich die Schönheit einer sonnendurchfluteten Natur. Sein Blick richtete sich immer auf den Himmel, doch er vergaß nie seine Wurzeln – wie es der große Kenner der italienischen Seele, Federico Fellini, forderte. Auch wenn er die Baumwipfel malt, in deren Blättern sich der letzte warme Strahl der untergehenden Sonne fängt wie auf der kleinen Studie, die Sotheby’s am 9. Juli in London versteigert, demonstriert die technische Versiertheit und die Abendkühle des Blicks seine deutsche Herkunft und seine Ausbildungsjahre an der Dresdner Akademie.

Es gibt eine Unzahl von solchen unsignierten Ölstudien deutscher Maler aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts – und erst seit wenigen Jahren wird die außerordentliche Modernität und Qualität dieses Genres kunsthistorisch angemessen gewürdigt. Genaue Zuschreibungen sind bei den Hundertschaften deutscher Künstler, die malend durch Italiens Landschaften zogen, oftmals schwierig, auch Sotheby’s versieht seine Zuschreibung mit einem Fragezeichen. Michael Mohr, der Frankfurter Künstler, Sammler und Kenner des 19. Jahrhunderts, hält die Autorschaft von Reinhold allerdings für sehr plausibel. Geschätzt ist das Blatt auf sehr vorsichtige 8000 bis 10000 Euro.

Federico Fellini kannte Reinhold vermutlich nicht. Doch sein Leben in Italien wirkt wie ein einziges, großes Drehbuch für Fellini. Er streifte durch die Lande, malte wie besessen, abgöttisch bewundert von den deutschen und den italienischen Künstlern, hütete seine Ölstudien wie seinen Augapfel, nur der große Schinkel durfte einige von ihnen erwerben (sie gehören heute der Hamburger Kunsthalle, traumhafte Blätter, unbedingt anschauen!). Schinkel schrieb aus Italien an seine Frau: "Für Dich und mich habe ich etwas einzigartiges mitgebracht." Wenn Reinhold nicht malte, dann kämpfte er darum, seinen ebenfalls malenden Freund Johann Christoph Erhard vom Selbstmord abzuhalten. Immer wieder schlitzte sich dieser die Adern auf, immer wieder rettete ihn Reinhold. Der Blick in die Baumwipfel erzählt, wenn man genau hinblickt, auch von diesem Kampf – als Flucht. Doch es half nichts, 1822 gelang es Erhard, sich umzubringen. Und Heinrich Reinhold zog sich bei der Rettung des Freundes eine Krankheit zum Tode zu – die auch ihn umbrachte. Er liegt in Rom begraben, fern seiner Wurzeln, aber dort, wohin sein Herz ihn trug. Florian Illies

HEINRICH REINHOLD (1788–1825) "Waldstudie", circa 1820