Wer zu den Tagen der deutschsprachigen Literatur, vulgo Bachmann-Preis, kommt, der ist in Kärnten, und Kärnten ist Josef-Winkler-Land. Hier hat der große Autor, der soeben die bedeutendste deutsche und die bedeutendste österreichische Literaturauszeichnung erhalten hat (den Büchner-Preis und den Österreichischen Staatspreis), seine grässlichen Erfahrungen gemacht und die Burschen am Kälberstrick hängen gesehen. Davon merkt der Gast zum Glück so wenig wie von dem in die Jahre gekommenen Landeshauptmann Jörg Haider, der die Bachmann-Szenerie seit Jahren meidet und so den deutschen Literaturtouristen ein interessantes kleines Gruseln vorenthält.

Nein, Kärnten hat sich auf seine sommerliche Kernkompetenz zurückgezogen – Prachtwetter und Gastfreundschaft –, die zu genießen diesmal nicht viel Zeit blieb. Die Veranstaltung wurde auf Betreiben des mitfinanzierenden Senders 3sat einer Kompression unterzogen: 2 Tage statt 4, 14 Autoren statt 18, 7 Juroren statt 9 und im Saal noch weniger Platz als früher. Was aber nichts macht, denn erstens wollen die Verlags- und Medienmenschen sowieso am liebsten nur miteinander plaudern, und zweitens wird eh alles vom Fernsehen übertragen.

Ja, das Fernsehen. Lange genug hat es der lieben Literatur diese sommerliche Spielwiese einfach so gelassen, da wurde es jetzt offenbar Zeit, der Sache etwas mehr von dem zu verpassen, was man "fernsehgerecht" nennt. Das zeigte sich in seiner ganzen Betrüblichkeit in der Figur eines Moderators, der seine Kerner-Kompetenz im Deuten der Jurorenmimik kundzutun suchte und sich auch schon mal zu einem Urteil verstieg wie "ein Text, der Eigenständigkeit hat". Na bitte, könnte man denken, aber nein danke ist da die einzig richtige Antwort. Die Juroren haben mit stiller Diplomatie manches Schlimmere verhindert, sonst aber mitgespielt, nicht zuletzt auch mit dem Publikum: Das nämlich gab seinen Preis (die Lacher ließen es erwarten) an Tilman Rammstedt, die Jury den Hauptpreis auch, und alle hatten sich eine halbe Stunde gut amüsiert. Große Texte sehen allerdings anders aus.

Grundlage wirklichen Gelingens bleibt eben Erstklassiges. Immer schon war das Gros der Klagenfurt-Autoren Mittelmaß, was leider auch diesmal nicht dadurch zu kaschieren war, dass schon am ersten Tag dreimal das Wort "meisterhaft" fiel. Wenn aber das Herausragende fehlt, dann fehlen auch der Kritik Begeisterung, Leidenschaft und, warum nicht, Ergriffenheit. Aber woher nehmen, sagen da die Juroren, wer schon was ist, der setzt sich uns nicht aus.

Dann riskieren wir doch einfach mal einen Vorschlag: Die Juroren, so lieb uns einige längst sind, sollten viel rascher gewechselt werden, um das Erwartbare zu vermeiden und die Spannung zu halten. Und schließlich – fünf Preise bei vierzehn Autoren sind eh Zustände wie im Kindergarten – das ganze Preisgeld bitte auf einen Haufen werfen und dann mal schauen, ob bei 60000 Euro nicht doch der eine oder andere Kappazunda (österr. für Großkopf) kommt.

Die Idee der Livekritik bleibt gut. Auf dass nicht wahr werde, was an der Ursulinenschule aus der Hand der ehemaligen Schülerin Ingeborg Bachmann zu lesen ist: "Und eines Tages stellt den Kindern niemand mehr ein Zeugnis aus." Jochen Jung