Ob die Oktaederaufgabe beim schriftlichen Mathe-Abitur 2008 in NRW sinnvoll ist, darf man sich zu Recht fragen. Mit einem guten räumlichen Vorstellungsvermögen sieht man die Lösung sofort: Die Spitzen des Oktaeders, zwei Pyramiden mit gemeinsamer, quadratischer Grundfläche, müssen die Diagonalenschnittpunkte der Würfelseiten berühren. In diesem Fall kann man die Lösung in fünf Minuten ohne Ableitung direkt neben eine kleine Skizze schreiben und beweisen; den Satz des Pythagoras müssten auch Hauptschüler anwenden können. Die Aufgabe ist also ein Witz und liefert keinerlei Rückschlüsse darüber, ob der Schüler Mathematik beherrscht, also Lösungen formulieren und entwickeln kann. Es ist eine Denksportaufgabe, die das räumliche Vorstellungsvermögen prüft, das bekanntlich nicht jedermanns Sache ist. – Mit den Regeln der Perspektive im Hinterkopf kann man räumliches Sehen anhand von Drahtmodellen jedoch gezielt trainieren.

Ein fairer Leistungstest war das leider nicht, diese Aufgabe bevorzugt jene, die neben Mathe eben auch das räumliche Vorstellungsvermögen bereits auf gutem Niveau mitbringen.

Hubert Badtke, Heilbronn

Der Untertitel Wie eine halsstarrige Kultusministerin in Nordrhein-Westfalen Gymnasiasten das Abitur vermasselte ist irreführend. Es hätte heißen müssen: "Was eine einfache Oktaederaufgabe über den Zustand des Mathematikunterrichts in NRW verrät". Denn entgegen der professoralen Aussage ist die Aufgabe keineswegs "viel zu schwierig", wenn man den Umgang mit geometrischen Figuren und Situationen im Unterricht auch nur etwas geübt hat. In einem Fach, das "Lineare Algebra/Geometrie" heißt, sollte das selbstverständlich sein. Eigentlich ist es deshalb beschämend zu hören, dass sich selbst gute Schüler unter einem Oktaeder in einem Würfel nichts vorstellen konnten, noch beschämender jedoch, dass die Kultusministerin ihnen Gelegenheit gegeben hat, die Klausur zu wiederholen. Frau Sommer hätte besser daran getan, ihre Lehrer zur Ordnung zu rufen.

Wolfgang Kroll, Lahntal