Die Geschichte des Mannes ohne Geschichte ist in einer Dissertation Bürger ohne Obdach publiziert (1992). Der "promovierte Jurist" bezieht sich darin unmittelbar vor seiner Zeit als Gerhard Schröders "Machtschattengewächs" auf Gesinnungsgenossen wie Abendroth, Preuß, Ridder und plädiert dafür, "planend, lenkend, eigentumserweiternd und -beschränkend in die Wirtschaftsgesellschaft einzugreifen, um den freiheitsschaffenden Zweck des Sozialstaatsgebots zur Geltung zu bringen" (S. 381, so auch im gemeinsamen Aufsatz Steinmeier/Brühl, Wohnungslose im Recht; Kritische Justiz 1989, S. 275ff.). – Frank-Walter Steinmeier ist also nicht nur in seiner Jugendzeit Linkssozialist gewesen. Wenn der wahrscheinlich nächste Kanzlerkandidat der SPD wieder einmal Zeit zum Nachdenken hat, wird auch er angesichts seiner intellektuellen Begabung die Agenda2010 und Hartz IV als "Ursachen allen Übels orten". Bei seiner hoffentlich nicht allzu fernen Rückkehr in unsere Reihen herrscht mehr Freude über einen reuigen Sünder als über 1000 Gerechte.

Prof. Dr. Albrecht Brühl, Wiesbaden

"Keiner kennt ihn, alle mögen ihn." So steht es groß auf der Titelseite. Ich sehe mich zu einem Outing gezwungen: Ich mag ihn nicht. Und das liegt nicht etwa daran, dass Frank-Walter Steinmeier unsympathisch wäre, im Gegenteil. Auch nicht daran, dass er inkompetent wäre, im Gegenteil.

Aber alle klugen und konzilianten Gesten und Worte des heutigen Außenministers können nicht wegwischen, wofür Frank-Walter Steinmeier als ehemaliger Kanzleramtsminister eben auch steht und wovor er sich vor den Ausschüssen ebenso unnahbar und überheblich aus der Affäre zu ziehen versucht wie Otto Schily und Joschka Fischer. Nämlich, dass sie mindestens einen jungen Mann in Guantánamo über Jahre hinweg haben hängen lassen. Und da Steinmeier selbst jetzt weder Fehler einzugestehen vermag noch ein ernst zu nehmendes Wort des Bedauerns für angemessen hält, kann ich in ihm nicht die notwendige moralische Integrität erkennen.

Martin Ratheke, Berlin