Bremerhaven - Wer in Eckernfeld wohnt, hat es zu bescheidenem Wohlstand gebracht. Die Einfamilienhäuser sind verklinkert, die Hecken gestutzt, an den Mittelklassewagen wehen Deutschlandfähnchen. Immobilienmakler nennen die Lage "ruhig und romantisch". Selbst der bizarre Wahlkampf, dem der Bremerhavener Ortsteil in diesen Tagen seine Bekanntheit verdankt, ist so ruhig, dass ihn die Eckernfelder glatt verpassen könnten. Wenn nicht Jan Timke, Kandidat der Wählervereinigung "Bürger in Wut" (BiW) und früher einmal Spitzenkandidat der Bremer Schill-Partei, an jeder ihrer Türen klingeln würde.

Von Beruf ist Timke Polizist, wenn er in Eckernfeld auftritt, trägt er die Kleidung vom Wahlplakat, schwarzer Anzug, weißes Hemd, wegen des Wiedererkennungswerts. 600 Haushalte will er bis zur Abstimmung am kommenden Sonntag besucht haben. Zehn Minuten pro Gespräch, acht Stunden pro Tag – das müsse binnen zweier Wochen zu schaffen sein, hat er ausgerechnet. "Er für Euch" steht auf seinen Broschüren und Plakaten. Und: "Bremerhaven zuerst!" Dazu gibt’s ein Schreibset. Fragt ihn jemand, wofür er denn stehe, entgegnet Timke: "Ich bin Polizist, mir liegt die Innere Sicherheit am Herzen."

Ein Jahr ist die Bremer Landtagswahl nun her. Timkes "Bürgern in Wut" fehlte damals für einen Sitz in der Bürgerschaft nur eine einzige Stimme. Timke legte Einspruch gegen das Wahlergebnis ein und bekam recht, weil die bereits ausgezählten Stimmen der Eckernfelder unversiegelt in einem Rucksack in das Wahlamt transportiert worden waren. 1311 Frauen und Männer dürfen deshalb am Sonntag erneut wählen, 30 mehr als vor einem Jahr. Einige zwischenzeitlich Zugezogene sind dabei und einige, die vor einem Jahr als Jugendliche noch nicht wählen durften.

Die "Bürger in Wut" sind "gegen "unkontrollierte Zuwanderung und Multikulti" und "für eine Renaissance konservativer Werte und bürgerlicher Tugenden". Außerdem haben sie im Bundestag eine "Petition gegen deutschfeindliche Beschimpfungen" eingereicht und geben in ihren Infobriefen unter der Rubrik "Der gute Rat" praktische Lebenshilfe. Diesmal: Was tun gegen Silberfischchen? Gegen die geballte Macht der bürgerlichen Parteien sollte eine solche Partei chancenlos sein. Wer sich aber bei der politischen Konkurrenz umhört, der bekommt erstaunliche Auskünfte. Wolfgang Jägers, der Bremerhavener SPD-Mann, der nun um sein Mandat bangen muss, hat keine Lust, in Eckernfeld die Klinken zu putzen. "Ich will die Leute nicht nerven", sagt er. Immerhin raffte sich die SPD auf, ein Sommerfest zu veranstalten, mit Landesvater, Hüpfburg und ähnlichen Schikanen.

Auch der Bremerhavener CDU-Kreisvorsitzende und Bürgermeister Michael Teiser bekennt, dass es schwer sei, Timkes Wutbürgern etwas entgegenzusetzen. "Sie appellieren, mit der Wahl die da oben abzuwatschen. Es geht nur um Emotionen." Die Grünen haben schon fast aufgegeben. Es sei "so gut wie aussichtslos", Timkes Einzug ins Parlament zu verhindern, sagt der Bremerhavener Vize-Kreisvorstandssprecher Frank Willmann.

Ein paar einfache Zahlen sind es, die Timke fast unbesiegbar erscheinen lassen. 33 Stimmen hat er vor einem Jahr im Eckernfeld bekommen; zehn Stimmen mehr, so rechnet er sich aus, würden für ein Mandat in der Bürgerschaft genügen. Fällt die Wahlbeteiligung unter die 60 Prozent der Bürgerschaftswahl, reichen auch noch weniger Stimmen.

"Man kann nicht viel mehr tun, als die Eckernfelder aufzufordern, zur Wahl zu gehen", heißt es bei den Grünen. "Wahlstrategisch ist das eine Situation, in der man nicht gewinnen kann", sagt Martin Günthner, SPD-Vizechef in Bremerhaven.