Am schönsten ist die Geschichte, die mit den zwölf Langhornrindern des Captain George Vancouver beginnt, welche dieser im Februar 1793 auf seinem Kriegsschiff Discovery nach Hawaii transportieren ließ. Von den Tieren überlebten nur zwei die stürmische Passage, doch weil König Kamehameha I. sie unter seinen persönlichen Schutz stellen ließ, vermehrten sie sich so stark, dass sie zur Landplage wurden. Um der Situation Herr zu werden, verfielen die Hawaiianer auf die Idee, mexikanische Cowboys zu importieren. Und weil diese zusätzlich zu ihrem Know-how auch Gitarren mitbrachten, erklang am Lagerfeuer schon bald ein Lied, das noch heute zur hawaiianischen Folklore gehört: La Paloma.

Anrührend und erhebend aber auch, was der Mann im Instrumentenmuseum von Havanna zu erzählen hat, nachdem er die alte Musikbox aus ihrem Pappkarton gehievt hat. 1873 wurde sie gebaut, all die Jahre hat sie das feuchte Klima ausgehalten, auch wenn die Oberfläche der kreisrunden Metallplatte mit den eingestanzten Löchern bedauerlicherweise Rost angesetzt hat. Angeblich gehörte das Gerät mit der ältesten auf Tonträger festgehaltenen Version von La Paloma Carmen, der Frau des kubanischen Freiheitskämpfers und Volkshelden José Marti. So jedenfalls besagt es eine Notiz, die bei den Akten gefunden wurde, indes: Einen Eid drauf leisten würde er nicht. »Sie wissen«, sagt der Mann und hebt die Hände, als sei ihm das Lied selbst ein wenig unheimlich, »man verbindet viel damit.«

Wohl wahr: Man verbindet viel mit La Paloma, dem Schlager aller Schlager. Wundersame, oft weitverzweigte Storys spielen die Hauptrolle in Sigrid Faltins Film über dieses phänomenale Stücklein Musik. Sie kommen aus den Mündern von Sängern, Sammlern und Privatgelehrten, sie tauchen aus Archiven auf, in die jahrzehntelang kein Tageslicht mehr gefallen ist. Einige lassen sich belegen, bei anderen scheint die Fantasie gehörig mit arrangiert zu haben. Dass sie noch in ihren wahrsten Momenten auf eine Weise an Seemannsgarn erinnern, die selbst eingefleischte Anekdotenerzähler an ihrem Verstand zweifeln lässt, ist Teil der Wirkungshistorie. Bei La Paloma handelt es sich nicht nur um den mit Abstand meistinterpretierten Titel in der Geschichte der populären Musik, er entwickelte auf seiner Reise über die Länder und Kontinente ein irisierendes Eigenleben.

Faltin ist ihnen hinterhergereist, den vielen Histörchen und Begebenheiten rund um das Lied von der Taube. Der Befund: Keine andere Melodie hat sich an die lokalen Gegebenheiten so bedingungslos angeschmiegt wie La Paloma. Mitte des 19. Jahrhunderts von einem Basken erdacht, der mit Kompositionen à la mode in der Pariser Gesellschaft zu reüssieren versuchte, zog sie in kürzester Zeit ihre Kreise auf Opernabenden und Liedertafeln – kein Tenor, Caruso ausgenommen, der nicht eine Interpretation in sein Repertoire aufgenommen hätte. Mit den modernen Reproduktionstechniken schließlich breitete sie sich bis in die hintersten Winkel der Welt aus, sodass vom Tango über den Walzer bis hin zu Rock-, Reggae- und Jazzversionen heute alles zu haben ist. La Paloma, dieses opportunistische kleine Liedchen, ist der größte Wechselbalg des Pop. Doch so global die Sehnsuchtsmelodie auch wirkte, die Spuren, die sie hinterlassen hat, lesen sich überall anders.

In Havanna hört man Freiheitsbotschaften heraus, auf Hawaii kündet La Paloma von der Entspanntheit und Lebenskunst seiner Einwohner. Auf Sansibar hat Faltin eine Hochzeitsgesellschaft ausfindig gemacht, die zu einer Kisuaheli-Variante die Hüften wiegt, hinter den Karpaten wiederum, bei den Siebenbürger Schwaben, beerdigt man mit La Paloma seine Liebsten. In Mexico City trifft sie auf die Sängerin Eugenia León, für die der Taubensong immer schon ein urmexikanisches Protestlied war, das nach Bedarf aktualisiert wird wie ein Rap, und für die Hamburger ist das Lied so hanseatisch wie Hans Albers. Im Baskenland schließlich sucht Faltin nach den Spuren des Urhebers, eines gewissen Sebastián Iradier, doch auch dort sind keine letzten Wahrheiten zu finden, sondern bloß neue Versionen und Varianten. Am Ende ist dem DJ und Musikhistoriker Kalle Laar zuzustimmen, der in einer Münchner Dachkammer 1000 Einspielungen aus aller Welt zusammengetragen hat: La Paloma ist das Lied eines universellen Heimwehs.