An meinem Fenster stehen Blumentöpfe, dort wachsen Geranien. Das Fenster ist schattig, Geranien brauchen Sonne. Nunmehr, im zweiten Jahr ihrer Existenz, haben meine Geranien sich dazu entschlossen, den Naturgesetzen zu trotzen und auch ohne Sonne zu blühen. Außerdem ist die Geranie, die viele Jahre lang als die spießigste Balkonpflanze der Welt verrufen war, plötzlich wieder modern und wird als schön empfunden. Ein Sommermärchen! Die deutsche Geranie teilt in vielerlei Hinsicht das Schicksal der deutschen Fußball-Nationalmannschaft.

Während der Fußball-Europameisterschaft habe ich ununterbrochen über grundsätzliche Dinge nachgedacht. Deswegen sehe ich mich in der Lage, heute eine der ältesten Fragen des Menschengeschlechts zu beantworten: Warum gibt es keine gerechte Welt?

Der Schlüssel zu dieser Frage ist im Fußballsport zu suchen. Wichtige Fußballspiele werden im Fernsehen übertragen. Jedes Foul ist genau zu sehen. Man kann sich das Foul hinterher in Zeitlupe anschauen. Es wäre folglich ein Leichtes, jedes Foul zu bestrafen. Man könnte all die lästigen Fehlurteile unterbinden, bei denen der Schiedsrichter, der sich naturgemäß hin und wieder irrt, unschuldige Spieler bestraft und extrem bösartige Subjekte, meist italienische Verteidiger, davonkommen lässt. Die Spieler würden ganz sicher weniger foulen, wenn sie wüssten, dass sie immer erwischt werden. Reguläre Tore, die nicht anerkannt werden, würde es nie wieder geben. Hundertprozentige Gerechtigkeit wäre also in einem kleinen Teilbereich der Gesellschaft tatsächlich möglich.

Tatsache ist, dass die Gemeinde des Fußballsports keine Gerechtigkeit möchte. Der sogenannte Videobeweis wird von den dafür zuständigen Gremien immer wieder mehrheitlich abgelehnt. Man befürchtet, dass der Fußballsport durch die Einführung der Gerechtigkeit viel von seinem Reiz verlieren würde. Wenn wieder einmal ein extrem bösartiges Subjekt einem gegnerischen Stürmer den Wadenknochen zertrümmert, die Basilikumsehne mit seinen Zähnen zerfetzt oder das Kapselköpfchen am linken oberen Springbeinbogen pulverisiert hat und damit gut gelaunt davongekommen ist und sogar das Spiel gewonnen hat, kocht regelmäßig die Erregung hoch. Dann, nach einer Weile, setzen sich die Gremien, die interessante Frauennamen wie "Uefa" oder "Fifa" tragen, innerlich abgekühlt zusammen und fassen den Beschluss: Der Reiz des Fußballsports hat viel mit der straflosen Zertrümmerung von Kapselköpfchen zu tun. Klingt brutal, ist aber so.

Zu den Grundregeln des Fußballsports gehört es, dass der Schiedsrichter die absolute Macht hat. Wenn er sich irrt, gilt sein Wort trotzdem, ähnlich wie bei Kim Jong Il in Nordkorea. Wer ihm widerspricht und dabei, was jeder Zuschauer sofort erkennt, völlig recht hat, wird wegen Meckerns bestraft. Auch diese Fußballregel hat Nordkorea übernommen. Wenn der Schiedsrichter aber eine Regel falsch auslegt oder eine Regel nicht anwendet, ist das auch egal.

Kim Jong Il könnte, beispielsweise durch einen Volksaufstand, beseitigt werden. Ein Aufstand der Spieler dagegen hat nicht die geringste Chance. Der Schiedsrichter ist keine Person, er ist ein Prinzip. Der Schiedsrichter ist also im Grunde so etwas Ähnliches wie Gott. Er ist nicht direkt böse, aber gerecht ist er auch nicht gerade. Man fragt sich immer: Wenn es Gott gibt, warum lässt er schlimme Dinge zu?

Nun, wahrscheinlich aus dem gleichen Grund, aus dem die Uefa den Videobeweis ablehnt. Vermutlich gibt es deswegen keine gerechte Welt, weil eine gerechte Welt viel von ihrem Reiz verlieren würde.