DIE ZEIT: Sind Sie mit dem deutschen Strafrechtssystem zufrieden?

Ralf Eschelbach: Nein. Das herkömmliche Strafrecht besteht aus eng, aber ziemlich genau gefassten Straftatbeständen. Wer einen anderen vorsätzlich oder fahrlässig tötet oder verletzt, wird bestraft. Das ist klar und kann meistens auch genau festgestellt werden. Die neu entstandenen Strafnormen verwandeln dagegen zahllose soziale Handlungen unter ungenau formulierten Voraussetzungen in eine Straftat. So kann eine Reihe von lästigen Handlungen, die einen anderen in seiner Lebensführung beeinträchtigen, als Stalking bestraft werden, etwa das Versenden unerwünschter Liebesbriefe. Die Schaffung von flächendeckenden Strafnormen mit solch primitiver Bestimmtheit führt dazu, dass immer weniger Straftaten wirklich geahndet werden.

ZEIT: Muss der Bürger das Strafrecht verstehen?

Eschelbach: Als Adressat der Normbefehle muss er das Strafrecht im Grundsatz verstehen können. Unverständliches Strafrecht ist verfassungswidrig.

ZEIT: Was wissen Sie, ohne es beweisen zu können?

Eschelbach: Ich weiß, dass eine nicht unerhebliche Zahl von Strafurteilen, die aufgrund einer intuitiven Beweiswürdigung gefällt werden, falsch sind. Und dass es für diese Urteile keine effektive Kontrolle gibt. Warum? Weil die Aussagen von Angeklagten, Zeugen und Sachverständigen in der Hauptverhandlung niemals aufgezeichnet werden und alle Rechtskontrollinstanzen – etwa der Bundesgerichtshof – stets nur von Sachverhalten ausgehen, die der Richter ins Urteil geschrieben hat. Der Glaube an die Richtigkeit rechtskräftiger Urteile äußert sich in einem Glaubensbekenntnis – das oft falsch ist.

ZEIT: Hat Recht etwas mit Gerechtigkeit zu tun?