Anfang: Wann beginnt das Recht? Mit den zehn Geboten, die Gott Mose vor knapp 3.000 Jahren übergeben haben soll. Oder mit der ersten überlieferten Gerichtsverhandlung, die Homer vor 2.800 Jahren in seiner Ilias schildert. Oder – noch früher – mit der ägyptischen Ma’at, dem Recht, das zur Zeit des Pyramidenbaus eingerichtet wurde. Alle Urformen des Rechts haben denselben Sinn: Sie sollen zwischenmenschlichem Chaos entgegenwirken.

Germanische Gefühle: Hierzulande herrschte damals eine Art Gewohnheitsrecht, das von Mitgliedern eines Stammes spontan gesprochen wurde. Dieses Recht war nicht vernunftgesteuert, es orientierte sich am Gefühl und war bestimmt von Aberglauben und Zauberei.

Das römische Recht: Kaiser Justinian ließ um 500 die zersplitterte zivile Rechtsprechung in einem Gesamtwerk zusammenfassen, dem Corpus Juris Civilis. Im 11. Jahrhundert kamen Studenten aus ganz Westeuropa nach Bologna, um die neue Jurisprudenz zu studieren. So gelangte das römische Recht nach Deutschland, wo es aber weiter mit Gewohnheitsrecht und lokalen Rechtsvorstellungen vermischt wurde.

Richter Gott: Im Strafrecht herrschten in deutschen Landen lange mittelalterliche Zustände. Der Strafrichter nahm die Stelle Gottes ein. Man glaubte, die Welt sei im Innersten gerecht und weise, Wahrheit komme stets von selbst ans Licht. Deshalb vertraute man auf Gottesurteile. Ging ein Angeklagter schadlos über glühende Eisen, war er unschuldig, verbrannte er sich, war er der Täter.

Die Folter: 1532 wurde unter Kaiser Karl V. die Carolina beschlossen. Sie ist Strafrecht und Strafprozessrecht in einem und gilt als das bedeutendste Strafgesetz des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation. Hierin wurden auch die Umstände der Folter geregelt, da ein Angeklagter nur verurteilt werden durfte, wenn es entweder zwei Tatzeugen gab oder ein Geständnis. Was der Verdächtige unter der Folter gestand, wurde mit den ermittelten Tatsachen verglichen, um zu überprüfen, ob das Geständnis echt ist. Die Carolina regelte, dass Kinder, Kranke, Schwangere und Wöchnerinnen der Folter nicht unterworfen werden durften. Erst Mitte des 18. Jahrhunderts erhob sich aus dem Geist der Aufklärung eine Bewegung zur Abschaffung der Folter. Im 19. Jahrhundert wurde die gesetzliche Beweistheorie der Carolina durch die freie richterliche Beweiswürdigung ersetzt. Dazu bedurfte es gereifter, vertrauenswürdiger Berufsrichter.

Nationalsozialismuss: Das 1871 gegründete Deutsche Reich erhielt ein eigenes Reichsrecht. 1879 wurde in Leipzig das Reichsgericht als Revisionsinstanz in Zivil- und Strafsachen geschaffen. Ihm entzogen die NS-Machthaber 1934 per Gesetz die letztinstanzliche Zuständigkeit für Hoch- und Landesverrat und übertrugen diese dem Volksgerichtshof, der mit Juristen und NS-Funktionären besetzt war. Besonders im Zweiten Weltkrieg entfaltete der Volksgerichtshof seine eigentliche Bestimmung als Terrorinstrument eines Unrechtsstaates – über 5000 Todesurteile wurden verhängt und vollstreckt. Der schrecklichste Richter war der Präsident Roland Freisler, der sich auch in den Verfahren gegen Mitglieder der Widerstandsbewegung vom 20. Juli 1944 unheilvoll hervortat.

Das Grundgesetz: 1948 trat ein Verfassungskonvent zusammen. Seine Aufgabe war es, den Text für das Grundgesetz eines aus Bundesländern zusammengesetzten Bundesstaates zu entwerfen. Am 24. Mai 1949 trat das neue Grundgesetz in Kraft, der erste Bundestag wurde gewählt. Das Grundgesetz ist föderalistisch und liberal: Es gewährleistet die Stärke des Bundes durch starke Länder und schützt das Individuum vor dem Staat. Deshalb enthält es an der Spitze einen Katalog von Grundrechten, deren erstes mit den Worten beginnt: "Die Würde des Menschen ist unantastbar".