Eines der mächtigsten menschlichen Bedürfnisse besteht darin, sich von den Mitmenschen zu unterscheiden und auf sie herabzublicken. Zu diesem Zweck schuf der Mensch die Stände, Kasten, Klassen und Schichten. Nun ist im Wortschatz der Entscheider und Premiumexistenzen ein Wort aufgetaucht, das all diese Begriffe an Anschaulichkeit und Aroma übertrifft.

Peter Löscher, der seit rund einem Jahr den Weltkonzern Siemens leitet, hat die drastischen Spar- und Stellenabbaupläne in seinem Haus (man spricht von bis zu 17000 Stellen) dergestalt kommentiert, dass nun nicht mehr allein die Arbeiter "Opfer" bringen müssten: "Es geht uns jetzt um die Lehmschicht – vor allem um das obere und das mittlere Management." Löscher hat hier mit einem Schlag alle Leistungen der Soziologie in den Schatten gestellt. Denn die Soziologie begnügt sich damit, die Menschen einer bestimmten Schicht zuzuordnen. Löscher dagegen gelingt es, die Menschen in ihrer Schicht auch gleich symbolisch zu verscharren.

In Anlehnung an den alten Witz, worin der Zahnarzt dem Patienten mitteilt, seine Zähne seien schon in Ordnung, allerdings müsse das Zahnfleisch raus, betreibt Peter Löscher die Lösung wirtschaftlicher Probleme: Unser Feld ist bestellt, nur die Erde muss noch weg.

Nun wollen wir Löschers herrliches Naturbild ein wenig genauer betrachten. Wenn das mittlere Management den fetten, unter den Schritten des Gärtners schmatzenden Lehm darstellt, was ist dann das Reich des Topmanagements? Natürlich die duftende Wiese darüber. Blumen blühen, zarte Gräser federn unter dem Flügelschlag landender Bienchen. Die Wiese ist ein tückisches Idyll voller Gefahren. Wer nicht aufpasst, den fegt der Wüstenwind der Globalisierung hinweg, den trampeln die Heuschrecken aus dem Osten tot. Nur die Mutigsten halten es hier oben aus.

Und unter dem Lehm, so stellen wir uns vor, in finsterer Tiefe, graben, bohren und kompostieren die kleinen Angestellten und die Arbeiter. Hier ist es still, es herrscht Herr Wurm. Nur die Verzweifelten und die Gerechten halten es hier unten aus.

Hingegen die Lehmschicht! Hier ist es warm, hier ist es gemütlich. Hier verstecken sich alle, die weder den Mut derer ganz oben noch die Lauterkeit derer ganz unten besitzen. Der Lehm ist für Schwächlinge das, was für die Maden der Speck ist: der Ort, da sie wohlgenährt überwintern. Im Grunde ist ganz Deutschland ein Land aus Lehm, ein Mittelschichtsmadenparadies.

Aber die Lehmgesellschaft hat ihre Rechnung ohne den Gärtner gemacht. Herr Löscher, so heißt es, sei ein Mann, der "knallhart durchstechen" werde durchs poröse Siemens-System. Soeben übrigens soll er ein Haus in München gekauft haben, am Hochufer der Isar, die Immobilie wird auf 3,5 Millionen Euro geschätzt. Bisher wurde in diesem Haus die TV-Serie Familie Sonnenfeld gedreht, in der zwei desorientierte Erwachsene, vier neurotische Kinder und ein Hund namens Otto ein tumultöses, glückliches Leben führen: klassisches, nutzloses Lehmschichtengelichter. Nun, da Herr Löscher die Villa erwarb, müssen die Sonnenfelds (und ihre Serie) umziehen nach Berlin. Denen hat er schon mal gezeigt, was eine Harke ist. Peter Kümmel