Von Karl Lagerfeld weiß man, dass er einer der ersten Besitzer eines Geländewagens der Marke Hummer war, nach Arnold Schwarzenegger. Ein Hummer ist ein PS-Monster, das, unwesentlich überspitzt formuliert, an einem Tag eine Erdöl- quelle leer säuft. Wie also kommt ausgerechnet dieser Mann dazu, für Chanel ein Fahrrad zu designen, mit einem schwarzen Rahmen und einer Ledertasche aus Kalbsleder, für knapp 9000 Euro? Man stelle sich vor, wie Lagerfeld mit seinen fingerfreien Handschuhen am Lenker durch die Rue Saint-Honoré radelt. Und er radelt in bester Gesellschaft seiner Modedesigner-Kollegen. Pünktlich zu den Olympischen Spielen bringt auch Gucci ein Fahrrad auf die Straße. Es ist ein signalrotes Damenrad mit großer Sattel- tasche. Comptoir des Cotonniers hat ein Bike mit ähnlichem Retro-Charme im Angebot, das sogar vergleichsweise bezahlbar ist. Ein seltsames Phänomen ist das: Auf einmal interessieren sich die Mode- macher für Fortbewegungsmittel, wo sie sich doch bisher vor allem damit beschäftigt haben, wie man effektvoll in der Ecke steht oder über einen roten Teppich schreitet. Dass man in ihren Klamotten auch durchs normale Leben muss, gar strampelnd und schwitzend, konnten sie bislang ausblenden. Im Grunde ist das auch das Schöne an Mode: dass sie ganz viel im Leben ausblenden kann. Nun aber verstehen sich Modemarken nicht mehr als Kleidungshersteller, sondern als Lifestyle-Brands, sie wollen Lebensstil verkaufen. Und damit wird alles, was man anfasst, zum potenziellen Accessoire. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis Gucci auch Zahnbürsten ver- kauft. Das ist die Kehrseite der Lifestyle-Brands: So schnell gerät man in Gefahr, banal zu werden. Modemacher mögen den Absatz, den Anzug und das Abendtäschchen jede Saison neu erfinden – das Rad erfinden sie nicht neu. Auf einem Fahrrad wirkt jeder Mensch gewöhnlich. Einst sorgte Zara dafür, dass alle aussehen konnten, als hätten sie sichteuer bei Gucci eingekleidet. Nun betreibt Gucci die endgültige Demokratisierung der Mode und sorgt dafür, dass Mode-Geeks aussehen wie Leute, die sich kein Auto leisten können. Und Lagerfeld lässt seine Kunden aussehen wie Leute, deren Auto gerade kaputtgegangen ist. Seit Neuestem posiert er in Frankreich mit gelber Signaljacke und wirbt für Verkehrssicherheit. So ist das, wenn man sich auf die Straße des Lebens wagt: Überall gibt es Pannen.

Fahrräder

Tillmann Prüfer fragt: Warum erfinden Modemacher das Rad neu?

Nach Karl Lagerfeld und Gucci hat nun auch Comptoir des Cotonniers ein Rad für den modebewussten Gutmenschen entworfen. 950 Euro

Foto ––– Peter Langer ZEIT magazin Leben