Der Artikel von Frank Drieschner und Heinrich Wefing Sterben und sterben lassen über die Debatte um Patientenverfügungen (ZEIT Nr. 27/08) trifft vielleicht den Zeitgeist, aber nicht den Kern des Problems. Eigenverantwortung, Selbstbestimmung und ein Recht auf würdevolles Sterben sind Schlagwörter in der Debatte um Begrenzung ärztlichen Handelns. Sie sind aber originäre Themen einer vertrauensvollen Patienten-Arzt-Beziehung. Sie lassen sich weder in Sitzungssälen des Bundestages noch imaginativ-vorausschauend in Patientenverfügungen regeln. Die Überwindung des traditionellen ärztlichen Paternalismus hat nämlich zu dem Missverständnis geführt, dass ärztliche Verantwortung an den Patienten übertrag- und delegierbar sei.

Das ist nicht der Fall. Patienten sind weder Partner noch Kunden. Sie sind in Not, brauchen Hilfe und müssen darauf vertrauen können, dass der Arzt für sie das Richtige tut. Der muss dabei stets hin und herpendeln zwischen persönlichen Erfahrungen, eigenen Wertvorstellungen, äußeren Zwängen und einer empathischen Antizipation, was für seinen Patienten das Beste sein könnte. Das ist mühsam, zeitaufwendig, aber letztlich untrennbar mit dem Beruf des Arztes verbunden.

Und: Der Arzt kann dabei irren oder Fehler machen. Dies ist bei Entscheidungen über Leben und Tod sicher besonders tragisch. Man versucht dem heutzutage mit evidenzbasierter Medizin, Leit- und Richtlinien und eben auch Patientenverfügungen zu begegnen. Trotzdem bleibe ich als Arzt fehlbar. Und darauf bestehe ich, denn es macht mich menschlich. Unmenschlichkeit in der Medizin haben wir genug. Ärztliches Handeln, dass von einer Sorge um und einer Verantwortung für den Patienten geleitet ist, kann zwar fehlerhaft sein, ist aber deswegen nicht falsch. Unstrittig ist für mich die Tatsache, dass es einen unbedingten Willen zu leben gibt. Der Wunsch nach dem eigenen Tod ist letztlich nichts anderes als Ausdruck von Angst, Enttäuschung und Verzweiflung. Dem eigenen Tod ist der Tod der Beziehung vorausgegangen, und das ist sicher das traurigste Sterben.

Sven Eisenreich ist Arzt und ZEIT-Leser in Frankfurt am Main

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