Der erste Eindruck, von dem Besucher in Algier berichten, ist der einer allgegenwärtigen Polizei. Beamte in hellblauen Uniformen, die an fast jeder Kreuzung stehen, mitten in der Autokarawane. Sie sollen nicht etwa mögliche Attentäter aus dem Chaos fischen, auch wenn ein Gast aus Europa das meinen könnte, nachdem er in den vergangenen Monaten so viel über die Anschläge islamischer Fundamentalisten gehört hat. »Es gibt hier«, sagt Andreas Hergenröther, »einige Risiken, die größer sind als die des Terrorismus. Der Straßenverkehr gehört dazu.«

Hergenröther ist Geschäftsführer der deutsch-algerischen Handelskammer, und er bekommt neuerdings häufig Besuch. Am Mittwoch reist sogar Bundeskanzlerin Angela Merkel mit einer Wirtschaftsdelegation an. Deutsche Unternehmen haben nach einigem Zögern entdeckt, welch riesiger Schatz in dem nordafrikanischen Land zu heben ist: fast 4.600 Milliarden Kubikmeter gesicherter Erdgasreserven, die Algerien zum siebtgrößten Anbieter weltweit machen und zu einem Lieferanten, der Europas Abhängigkeit vom russischen Gas verringern könnte.

Die Algerier kommen gerne ins Geschäft. Nach Jahrzehnten des Sozialismus und dem blutigen Bürgerkrieg der neunziger Jahre will das Land verlorene Zeit aufholen. »Uns fehlt es einfach an allem, Autobahnen, Eisenbahnen, Krankenhäusern, Wohnungen, und wir importieren so gut wie alle Konsumgüter«, sagt Khoulas Djelloul, Direktor der algerischen Investitionsagentur ANDI. Den größten Umsatz in Algerien machen derzeit Frankreich und China, aber auch deutsche Firmen wittern ihre Möglichkeiten. Und das, obwohl für Fahrten außerhalb Algiers Polizeieskorten vorgeschrieben sind und manches Projekt nur mit schwerbewaffneten Sicherheitskräften ausgeführt wird. Im Juni wurden ein Ingenieur einer französischen Baufirma und sein Chauffeur bei einem Anschlag getötet.

Martin Dahlbender, Algerien-Direktor der Münchner Baufirma Dywidag International, will trotzdem bleiben. Seit zweieinhalb Jahren ist er im Land – mit Frau und zwei kleinen Kindern. »Wir vermeiden, uns an Orten mit vielen Menschen aufzuhalten«, sagt er. »Das schränkt natürlich auch die Freizeitbeschäftigungen ein.«

Dywidag hat den 2007 fertiggestellten ersten Abschnitt der neuen Metro von Algier verantwortet – die Schienen und Nachrichtentechnik lieferte Siemens – und auch den Auftrag für die Verlängerungstrasse bekommen. In der Wüstenstadt Ouargla baut die Firma zudem eine Kläranlage mit einem 40 Kilometer langen Betonkanal, für Tebessa an der Grenze zu Tunesien hat das Unternehmen ein Angebot für eine Mülldeponie abgegeben. »Wir stehen jeden Monat vor der Wahl, um welchen der vielen Aufträge wir uns bewerben«, sagt Dahlbender. Kürzlich gewannen das Architekturbüro KSP Engel und Zimmermann aus Frankfurt am Main und die Ingenieurfirma Krebs und Kiefer International aus Darmstadt die Ausschreibung für die neue Moschee von Algier, einen knapp eine Milliarde Euro teuren Komplex mit dem höchsten Minarett der Welt, einem Konferenzzentrum, Museum und mehreren Restaurants.

Über die Auftragsvergabe entscheidet der Staat, und dem mangelt es derzeit nicht an Geld. Mit einem Bruttoinlandsprodukt von 135 Milliarden Dollar war das arabische Land voriges Jahr nach Südafrika und Ägypten das reichste auf dem afrikanischen Kontinent. Dank steigender Öl- und Gaspreise hat Algerien große Devisenreserven angehäuft. Ende dieses Jahres werden sie knapp 200 Milliarden Dollar betragen.

Ein gewaltiges Problem ist allerdings geblieben, und es hat mit Geld nichts zu tun: Noch hemmt die ausufernde Bürokratie des Landes viele Investitionsvorhaben. Mangelnde Transparenz, veraltete Informationen und ständiges Vertrösten rauben manchem Investoren den letzten Nerv. »Es gibt viele Möglichkeiten, hier Geld zu machen, aber man muss Geduld haben«, sagt Lachemi Siagh, Gründer der privaten algerischen Finanzberatungsfirma Strategica. »Bürokratie und Korruption schaffen sehr viel mehr Probleme als die Sicherheitslage.« Der 60-jährige Algerier, der unweit der Ölfelder von Hassi Messaoud groß geworden ist, lebte viele Jahre in Kanada und arbeitete nach der Jahrtausendwende im algerischen Finanzministerium. Er kennt das System.