Seit die Aufzugtür sich geschlossen hat, zeigt die neongelbe Digitalanzeige 2.59 Uhr und den 3. Juni 2008 an. Weder das eine noch das andere stimmt. Angeblich befindet sich der Fahrstuhl im 36. Stockwerk. Steht das Ding? Fährt das Ding? Keine Ahnung. An der Decke sind Glühbirnchen installiert, die Sternen am Nachthimmel ähneln und das Chromstahlgefängnis spärlich erleuchten. In der verglasten Rückwand spiegeln sich die Gesichtszüge des ratlosen Fahrgasts. Blöde Idee, ausgerechnet ein Zimmer auf der obersten Etage des Hotels zu buchen! Doch nach einer scheinbaren Ewigkeit, die vermutlich nur eine halbe Minute dauerte, vermeldet eine gleichmütige Frauenstimme: "Forty-second floor. Planta cuarenta y dos." Die beiden Hälften der Aufzugtür verschwinden links und rechts in der Wand, und die sich wieder ans Tageslicht gewöhnenden Augen sehen kurz darauf das Unglaubliche.

Dies also ist das "Manhattan des Mittelmeers". Schon von der Autobahn aus zog einen die Wolkenkratzer-Skyline von Benidorm an der Costa Blanca in ihren Bann. Doch das ganze Ausmaß wird erst jetzt deutlich. Vor dem Balkon des Hotelzimmers reiht sich kilometerweit bis zum Horizont ein Hochhaus an das andere. Schlanke hell- bis dunkelgraue oder ockerfarbene Pfeiler, manche tailliert oder mit spitz zulaufenden Kuppeln versehen, die meisten aber einfache Klötze, die von hier oben aussehen wie von Kinderhand aus dem Legokasten aufgetürmt. Mehr als 120 sollen es sein. Die genaue Zahl steht kaum je fest, weil zwischen den fertiggestellten Riegeln Baukräne stets weiter Stein auf Stein hieven. Entlang der gut fünf Kilometer langen Küste, die wie die Schwingen eines großen Vogels geformt ist, mit einer vorstehenden Landzunge als Körper. Und in Dutzenden Straßenzügen hinein ins Hinterland.

Spaniens Küste ist an vielen Stellen verbaut und zubetoniert. Aber nirgendwo hat man die Urbanisierung derart auf die Spitze getrieben wie in dem ehemaligen Fischerdorf. 1956 kam Bürgermeister Pedro Zaragoza auf die Idee, den Tourismus anzukurbeln und sechs- bis siebengeschossige Wohn- und Hotelblocks zu bauen. In Anlehnung an die Theorie der funktionalen und wirtschaftlichen Architektur von Le Corbusier sollten so viele Gäste wie möglich auf möglichst wenigen Quadratmetern Sonne zu günstigen Preisen erleben können. Seitdem entwickelte sich Benidorm zum Ort der Superlative. Heute ist es mit jährlich fünf Millionen Besuchern der Magnet Nummer eins für Strandurlaub in Europa. Hier findet sich die größte Dichte von Hochhäusern weltweit, manchmal sind sie nur sieben Meter voneinander entfernt. Sieht man von den Großstädten Paris und London einmal ab, gibt es nirgendwo so viele Hotels. Von einer Auslastung von durchschnittlich 93 Prozent können Konkurrenten in anderen Badeorten nur träumen. Seit 2002 rühmt sich Benidorm zudem des höchsten Hotels Europas: Das Gran Bali misst 180 Meter. Und derzeit entsteht auch noch das In Tempo, mit 210 Metern das höchste Wohnhaus Europas.

"Reiner Zufall", beteuert Roberto Perez-Guerras, der Architekt. "Ich habe nie beabsichtigt, einen neuen Rekord aufzustellen." Die Höhe sei aus einer simplen Rechnung erwachsen: "Ich wusste, wie viele Wohnungen es werden müssen, damit das Projekt für den Eigentümer rentabel ist. Daraus ergaben sich 55 Stockwerke." Die Gebäudehöhe ist in Benidorm nicht reglementiert.

Perez-Guerras verkörpert den Spanier, wie ihn sich Lieschen Müller vorstellt. Schwarze Hose, schwarzes Hemd, gegeltes Haar und ein mächtiger schwarzer Schnurrbart. Er steht auf der vor wenigen Tagen betonierten Bodenplatte des In Tempo. Unter ihm drei Geschosse Tiefgaragen. Er formt Daumen und Zeigefinger beider Hände zu einem Quadrat und blickt durch sie auf ein malerisches Panorama: Aus dem fast bewegungslosen Meer erhebt sich die Isla de Benidorm, das Wahrzeichen der Stadt knapp zwei Seemeilen vor der Küste. "Ich wollte die ganz spezielle Atmosphäre Benidorms einfangen", sagt er. Deshalb sei das In Tempo selbst wie ein Bilderrahmen konzipiert: Zwei Türme mit goldgelber Fassade symbolisieren die Strahlkraft der Sonne, die 3400 Stunden im Jahr auf den Ort scheint. Oben sollen sie durch eine kegelförmige "Brücke" verbunden werden, in der sich die luxuriösesten der 268 Wohnungen befinden. 3,7 Millionen Euro kostet dort eine Maisonettewohnung – 7000 Euro pro Quadratmeter. Für die "billigsten" Appartements in den unteren Geschossen werden immerhin 3000 Euro pro Quadratmeter fällig.

Wer ist bereit, so viel Geld zu zahlen? Benidorm gilt doch als Urlaubsziel der Arbeiter- und unteren Mittelklasse; außerdem befindet sich Spanien in einer Wirtschaftskrise, die die Preise für Immobilien, zumal im Zweitwohnungsmarkt an der Küste, in den Keller treibt. Zum Teil hätten Russen die Wohnungen in seinen Türmen gekauft, sagt Architekt Perez-Guerras. "Die sind sehr anspruchsvoll und extravagant. Sie wollen viel Gold und glitzernden Schnickschnack." Aber die meisten Käufer seien bisher Spanier aus Madrid und dem Norden des Landes. Alles sauber, will er damit sagen.

In den vergangenen Jahren hatte sich die spanische Öffentlichkeit bei vielen anderen Bauprojekten beinahe daran gewöhnt, dass Millionensummen zweifelhafter Herkunft in den scheinbar unersättlichen Markt der Ferienimmobilien flossen. Bauträger, Notare und korrupte Politiker machten mit Geldwaschanlagen aus Stein und Mörtel ein Vermögen. Mitte Juni veranlasste der spanische Untersuchungsrichter Baltasar Garzón eine Razzia gegen eine der weltgrößten Banden der Russenmafia und ließ 15 Verdächtige festnehmen.