Eigene Platten hatte ich kaum, viel lieber passte ich mich dem Musikgeschmack meines jeweiligen Freundes an, wie ein Chamäleon. Das war billig und bequem zu Zeiten, als die Partys noch Feten hießen, in unterbelichteten Kellern stattfanden und auf tiefergelegten Matratzen endeten.

Für Mädchen galt das Chamäleonhafte allgemein als angemessen. Und es wurde auch belohnt! Oft, nachdem wir zu Nutbush City Limits getanzt, zu Father and Son geschmust oder zu Leonard Cohens Gitarrenklängen sinnend in ein Lagerfeuer gestarrt hatten – viele Jungs konnten damals besonders Suzanne auf der Gitarre spielen –, bekam ich hinterher eine Kassette mit der Aufschrift "Manni-Spezial" oder "Für I." geschenkt. (Na ja, so oft nun auch wieder nicht; die Dinge kumulieren ja gern in der Erinnerung.)

Nur fand sich offenbar niemand bereit, meine Vorliebe für Michel Polnareff oder Klaus Hoffmann auf seinen Kassettenwerken zu berücksichtigen. Darum enthält unser eheliches Plattenregal neben Rock und Jazz und Soul und heute viel Staub vereinzelt auch chansonhafte Fundstücke – ich muss sie irgendwann selbst gekauft haben. Mein Mann jedenfalls lehnt jede Verantwortung für "diese Kuckucksscheiben" ab. Er betrachtet sie mit einem betont neutralen, zur Duldungsstarre tendierenden Gesichtsausdruck. Sagen wir: Er hat mich trotzdem genommen.

Natürlich war es genau solch eine Platte, zu der sich mein Leben veränderte. Sie steht bei Buchstabe "L", zwischen Carole King und Manfred Mann. Das Cover zeigt einen gleichermaßen sensibel wie finster dreinblickenden jungen Mann, der rein äußerlich circa zwei Teile Paul Breitner und ein Teil Mark Spitz auf sich vereinigt; innerlich sah es wahrscheinlich anders aus, worauf der Ohrring hindeutet. Es ist der holländische Liedermacher Robert Long, gestorben 2006, dessen Musik zwar Anklänge von Jacques Brel, Reinhard Mey und Udo Jürgens aufweist, aber trotzdem eigen klingt. Seine Texte, von Michael Kunze gekonnt ins Deutsche übersetzt, empfand ich damals als den Gipfel partnerschaftlicher Empfindsamkeit. Dieses Sehnen! Diese poetischen Reime! War ja noch selten, so viel ehrlich zu Ohr getragenes Gefühl aus Männermund.

Gar nicht schlecht eigentlich, denke ich heute beim Wiederhören und sitze ganz durchgewirbelt von so viel Erinnerungsbrandung im Sessel. Denn der Freund, von dem ich mich damals tränenreich getrennt hatte, schenkte mir Robert Longs Über kurz oder lang als Andenken. Nicht ohne mir leise jene zwei Lieder ans Herz zu legen, mit denen er sich in seiner Lage besonders gut identifizieren konnte; das eine heißt Abschied ("Es ist aus, hast du gesagt, ich glaub’s noch nicht") , das andere Stark sein ("Ich hoffe, dass ich irgendwann die Zeit mir dir vergessen kann").

Wirklich hörte ich sie ihm zuliebe immer wieder, und der Freund tat mir so leid, und ich fühlte mich so schlecht und so abgrundtief gemein, und fast hätte ich aus lauter Mitleid doch wieder zum Telefon…

Nein! Ich rief nicht an. Es war mir ein für alle Mal zu viel geworden mit der Chamäleonhaftigkeit. Und so kommt es, dass ausgerechnet diese Platte das Ende meines Lebens als brave Mithörerin markiert.