Der Dschungel an Kolumbiens Grenze ist endlos und der winzige Hubschrauber allein am Himmel. Ecuadors Streitkräfte besitzen nur fünf Helikopter. Auch wenn uns der Pilot in steile Kurven fallen lässt, können wir in dem Meer von Bäumen nichts ausmachen. Nicht die Rauschgiftlabore und versteckten Lager im undurchdringlichen Dickicht der Lianen. Nicht die olivgrünen Ameisen der Farc, nicht deren Feindesstamm der Paramilitärs, die beide um die größte Rauschgiftbeute kämpfen, weshalb sie Treibstoffe und Ingredienzien für die Kokainproduktion mit ständigen Grenzverletzungen von einem Land ins andere schaffen. Aus dem nahezu drogenfreien Ecuador in das vom Drogenhandel zersetzte Kolumbien. Der Urwald zieht keine Grenzen. Nur die Flüsse San Miguel und Putumayo trennen die Nachbarstaaten erkennbar auf einer Strecke von 380 Kilometern.

Wir fliegen das braune Band des Putumayo ab. Wie der Fluss, so heißt auch die kolumbianische Südprovinz auf der anderen Seite. Sie ist das Zentrum für den Plan Colombia, den die USA und Kolumbien 1999 beschlossen. Seither hat sich ein Strom von fünf Milliarden Dollar Militärhilfe über das Land ergossen. Vordergründig gegen den Rauschgifthandel und die pseudomarxistischen Farc-Rebellen. Langfristig zur Aufrüstung Kolumbiens, das heute Washingtons einziger Brückenkopf in Südamerika ist. Mit dem ständigen Appell, hier am Putumayo eine militärische Pufferzone gegen die Farc zu schaffen, versuchen die USA und ihr Verbündeter, auch das kriegsmüde Ecuador einzubinden.

Oberst Javier Pérez von der 19. Brigade der Heeresdivision Amazonas tippt dem Piloten auf die Schulter und weist mit dem Daumen nach rechts. Der Helikopter schwenkt wieder auf den ecuadorianischen Dschungel hinab. Ein grauer Fleck taucht auf im horizontweiten Grün. Schnell weitet er sich zu einem fast kreisrunden Loch. Geknickte Bäume, verbrannte Erde. Als sei ein Meteor eingeschlagen. Doch der Einschlag kam aus der Nachbarschaft, von Kolumbien. In den frühen Stunden des 1. März trafen Raketen zwei Dutzend schlafende Farc-Rebellen in ihrem Rückzugslager auf ecuadorianischem Boden.

Der Hubschrauber kreist über den Kratern. Die Einschlagswinkel lassen ecuadorianische Experten noch heute glauben, dass die Raketen nicht mit Laser, sondern über Satellit gesteuert wurden. Dafür sind amerikanische, aber nicht die kolumbianischen Flugzeuge ausgerüstet. Nach dem Raketenangriff, bei dem die meisten Guerilleros starben – mit ihnen auch Raúl Reyes, der vielseitigste Kopf der Rebellen –, drangen kolumbianische Truppen 2,4 Kilometer weit in den ecuadorianischen Dschungel ein. Sie erschossen oder erschlugen die verletzten Männer.

Als das Massaker vorüber war, griff Kolumbiens Präsident Álvaro Uribe zum Telefon, gegen 5.30 Uhr am Morgen. Er ließ sich mit Ecuadors Präsidenten Rafael Correa verbinden. Während eines Gefechts auf kolumbianischem Boden, so log Uribe seinem Amtskollegen vor, hätten sich die Rebellen auf ecuadorianisches Territorium zurückgezogen und seien im Kampf verfolgt worden. In Wahrheit war die Aktion von langer Hand vorbereitet. Ecuadorianische Nachrichtendienstler hatten über alte Seilschaften Amerikaner und Kolumbianer auf das Lager hingewiesen, ihren eigenen, gemäßigt linken Präsidenten hingegen nicht informiert.

Die Farc-Rebellen blieben als Barfuß-Tölpel im Urwald zurück

Uribe ließ das Nachbarland noch weiter an der Nase herumführen. »Den ganzen Tag lang«, so Ecuadors neuer Verteidigungsminister Javier Ponce in Quito gegenüber der ZEIT, »gab man uns aus Bogotá irreführende Koordinaten durch. So verschafften sie sich die Zeit, um ungestört alles, was sie brauchten, von unserem Territorium über die Grenze zu transportieren.«

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Wie diesen Coup, so hat Uribe seine Karriere schon immer als Hasardspiel betrieben. Zwei Tage vor seinem 56. Geburtstag am vergangenen Freitag setzte der Mann mit dem milchgesichtigen Pokerface hinter der randlosen Brille wieder alles auf eine Karte und konnte diesmal seinen bisher größten Trumpf präsentieren: die Befreiung Ingrid Betancourts. Wer immer ihm assistierte, von Washington bis Israel – der in diesem Fall unblutige Handstreich war eine verwegene Inszenierung. Es spielt da nur eine Nebenrolle, ob der so lange kompromisslose Autokrat den Farc-Rebellen doch noch Lösegeld zahlte. Oder ob er die Steinzeit-Kommunisten derart austrickste, dass sie als barfüßige Tölpel im Urwald zurückblieben. Mit seinem gelungenen Unternehmen hat Uribe die ältesten Dinosaurier der lateinamerikanischen Guerilla-Geschichte so oder so zum politischen Aussterben verurteilt. Und auch die Großsprecher zweier Kontinente, Hugo Chávez und Nicolas Sarkozy, konnte er am Ende ausstechen.

Vor allem aber hat sich Kolumbiens Präsident mit dem kaum glaublichen Abenteuer wie Münchhausen am eigenen Schopf aus dem tiefen Sumpf der »Parapolitik« gezogen. So nennen seine Landsleute Uribes persönliches Umfeld, auf dem sich seit Langem Drogenhändler, Warlords und die Todesschwadronen der Paramilitärs eingenistet hatten. Zwar hat der 2002 zum ersten Mal gewählte Präsident dem gewalttätigsten Land Südamerikas, aus dem 70 Prozent der weltweiten Kokainproduktion kommen, wieder mehr Sicherheit und Wirtschaftswachstum beschert. Seine von amerikanischen Militärhelfern ausgerüsteten und ausgebildeten Einheiten befreiten die Hauptverkehrsadern und die großen Städte von den tödlichen Fallen, Geiselnahmen und Netzwerken der Farc.

Doch auf deren Konto geht nur ein Viertel der Morde und Menschenrechtsverletzungen im Land, das doppelt so groß ist wie Frankreich und mit 43 Millionen die größte Bevölkerung Südamerikas nach Brasilien aufweist. Für 75 Prozent aller Tötungen und Vertreibungen – so hat eine unabhängige Juristenkommission belegt – sind die rechts orientierten Paramilitärs und deren Rauschgiftbosse verantwortlich. Die aber unterhielten und unterhalten engste Verbindungen zu Uribes Parteifreunden, Vertrauten und sogar nächsten Verwandten. Aus diesem kriminellen Geflecht wollte sich der Präsident zum Friedensstifter aufschwingen, indem er die linken Rebellen militärisch zu besiegen und die rechten Paramilitärs mit einer wohlwollenden Demobilisierung zu integrieren suchte.

Für die Reichen und den wachsenden städtischen Mittelstand wurde Uribe damit zum populärsten Präsidenten seit Jahrzehnten. Auf dem Lande aber, vor allem dort, wo die Kokafelder der Drogenbarone trotz aller Sprühaktionen unvermindert gedeihen, wird weiter vertrieben, geschossen, gemordet. Die Opfer sind Campesinos, Frauen, Indios, Afrokolumbianer und Arbeiterorganisationen. Allein 2006 fielen 73 Gewerkschaftsführer den Killern der rechten Gewalt zum Opfer. Mit 3,8 Millionen Vertriebenen hat Kolumbien auch weiter die meisten Binnenflüchtlinge der Welt nach dem Sudan.

Es wäre verfehlt zu sagen, der Präsident kenne diese Zustände nicht. Hyperaktiv hetzt der schmächtige Sohn eines Großgrundbesitzers durchs Land. Sein cholerisches Temperament hat er sich abtrainiert, heute demonstriert er preußische Strenge nicht nur mit Arroganz, sondern auch mit Eleganz. Wer dem Präsidenten gegenübersteht, fühlt sich an einen Musterschüler erinnert. Einen, der schon vor seiner Auszeichnung die Erwartung durchblicken lässt, dass die kommenden Lobreden unter seinem Niveau bleiben werden.

In der Drogenhochburg Medellín war sein Vater ein wohlhabender Viehzüchter. Der Sohn besuchte die Jesuitenschule, studierte Jura und Politikwissenschaft an der Universität Antioquia und promovierte. Schon mit 30 Jahren wurde Álvaro Uribe Bürgermeister von Medellín. In dieser Zeit begannen seine Prüfungen und Prägungen. Er verlor seinen Vater, den Farc-Rebellen nach einem misslungenen Entführungsversuch erschossen. Und er gewann die Paten des Drogengeschäfts zumindest als wohlgesinnte Dulder seiner Karriere.

Ein Bericht des US-Geheimdienstes Defence Intelligence Agency von 1991 nennt Uribe einen »engen persönlichen Freund« von Pablo Escobar. Der war der Gottvater des Medellín-Drogenkartells, wurde 1993 auf der Flucht erschossen und lebt derzeit in gleich drei Filmen wieder auf.

Auch hat der Präsident nicht verhindern können, dass der sozialdemokratische Abgeordnete Gustavo Petro am 17. April 2007 dem Senat in Bogotá schwerwiegendes Belastungsmaterial präsentierte, das sich auf amtliche Dokumente und eidesstattliche Versicherungen früherer Milizoffiziere stützte. Danach dienten zwei Landsitze der Familie Uribe im Departement Antioquia paramilitärischen Gruppen als Treffpunkte. Zu jener Zeit, zwischen 1995 und 1997, war Uribe Gouverneur dieser Region im Nordwesten. »Von einer Ranch starteten sie nachts ihre Streifzüge und töteten«, so Petro. Zwei Stunden lang belegte der Senator, wie Antioquia zur Kernprovinz der Paramilitärs und des Drogenhandels wurde.

Die Gewalt war schon immer ein Instrument der privilegierten Klasse

Welchen Anteil Uribe an dieser Entwicklung auch immer hatte, der Rauschgifthandel hat die moralische Legitimität seiner Repräsentanten zerstört. In einem Land, das besonders gut vom Limousinen-Export lebt, werden führende Politiker Auto-Kanzler und -Kanzlerin. In einem Staat, in dem Kokainausfuhr und Geldwäsche die Wirtschaft vom Bauwesen bis zum Antiquitätenhandel ankurbeln, können sich Präsidenten der politischen Drogenabhängigkeit nur schwer entziehen. Jüngstes Beispiel: der frühere Präsident des Abgeordnetenhauses, Emilio Martínez. Der enge Verbündete Uribes wurde Mitte Mai festgenommen. Der fast schon übliche Vorwurf: Martínez soll sich mit drei Kommandanten der Paramilitärs getroffen haben, um sich ihre Werbung für seine Kandidatur zu erkaufen.

Dennoch ist Uribes Versuch, sich selbst und das Land von seiner Vergangenheit zu befreien und zu befrieden, durchaus visionär. Die Gewalt haben nicht erst Farc und Paramilitärs über Kolumbien gebracht. Sie war längst schon ein Instrument der privilegierten Klasse, die von den Patrones der Provinzen und der wenigen Landbesitzerfamilien angeführt wurde. Auch die Vertreibungen sind eine alte Geschichte. 1950 ließ Präsident Laureano Gomez über der bewaldeten Ostregion Flugblätter abwerfen, mit denen die sofortige Räumung verschiedener Zonen angeordnet wurde. Die Indios, die kein Spanisch konnten, blieben. Truppen zogen daraufhin brandschatzend und mordend durch ihre Dörfer. Auch die Farc-Rebellen, die später selbst zu Mördern wurden, sind vor über 40 Jahren aus bäuerlichen Selbstverteidigungsgruppen hervorgegangen, die zu Recht eine Agrarreform forderten. Die Großgrundbesitzer setzten ihnen die Paramilitärs entgegen, deren genauer Name Autodefendas Unidas de Colombia (AUC) lautet. Die Anregung zu ihrer Gründung kam aus Washington, wie inzwischen freigegebene Dokumente von CIA und Pentagon belegen.

Uribe gibt sich als Übervater, der von Parteien nur wenig hält

Uribe möchte gegen dieses Erbe der Gewalt die Autorität des Staates errichten. Nur verfolgt er sein Ziel als traditioneller Caudillo, als Übervater, der von Parteien wenig hält und unumgängliche Verfassungsänderungen wie die für seine zweite Wahl 2006 schon mal erkaufen lässt. So kam er auch auf die Idee, die neuen Patrones des Drogenhandels und der Paramilitärs zu urbanisieren und zu den Paten eines modernen, erfolgreichen Unternehmertums zu machen.

Am 3. Juni 2005 billigte Bogotás Parlament das Gesetzesprojekt »Gerechtigkeit und Frieden« zur Wiedereingliederung bewaffneter Verbände ins Zivilleben. Selbst Massenmördern der Todesschwadronen wurde darin zugesagt, bei freimütigen Geständnissen mit fünf bis acht Jahren und zusätzlichen Strafmilderungen davonzukommen. Die New York Times urteilte in einem Leitartikel: »Kolumbien kapituliert vor der Mafia.«

Dem Aufruf zur Rückkehr ins zivile Leben folgten 31000 Paramilitärs, die rund 20000 Waffen mitbrachten. Die schlimmsten Killer, die sich selbst zur Ermordung von Hunderten namentlich bekannter Opfer bekannten, lieferten auch Dokumente ab, die enge Verbündete des Präsidenten als Vertragspartner der Paramilitärs entlarvten. Inzwischen sitzen 33 Abgeordnete im Gefängnis. Sie sollen mit Massenmördern und Drogenhändlern kooperiert haben. Gegen insgesamt 63 Kongressmitglieder laufen Strafverfahren – fast alle aus dem Umfeld Uribes.

Am 22. April dieses Jahres ließ die Staatsanwaltschaft selbst Mario Uribe, den Vetter des Präsidenten, der mit ihm zusammen die Demokratische Partei gegründet hatte, festnehmen. Sie beschuldigt ihn, sich mehrmals mit dem vormaligen AUC-Chef und bekennenden Massenmörder Salvatore Mancuso getroffen und über eine Unterstützung bei den Wahlen 2002 verhandelt zu haben. Mancuso dazu: »Wir haben ihm Stimmen beschafft!«

Da zog der Präsident die Reißleine. Mitte Mai ließ er Mancuso und 13 weitere AUC-Führer an die USA überstellen – gegen alle Absprachen. Vor den amerikanischen Gerichten wird es um ihren Rauschgifthandel gehen. Als Zeugen weiterer Massaker und ihrer Hintermänner in Kolumbien sind sie durch diesen Schachzug unschädlich gemacht worden.

Zwar hat Uribe schon im Oktober 2007 vor der UN-Vollversammlung verkündet, es gebe keine Paramilitärs mehr. In Wahrheit sind dieser Hydra längst wieder Köpfe gewachsen. Die großen Rauschgiftlieferungen über die venezolanische Grenze betreiben inzwischen die Aguilas Negras und die Aguilas Rojas, die schwarzen und roten Adler. Die Kokaproduktion und den Drogenhandel in der Region Nariño gegenüber Ecuador haben die Nueva Generación Colombia und die Manos Negras in ihre schwarzen Hände genommen. Vor den Kommunal- und Regionalwahlen im vergangenen Herbst wurden allein in der Stadt San Onofre, die an der Drogenroute nahe der karibischen Küste liegt, 23 Kandidaten ermordet. Unmittelbar vor dem Wahltag ließen die »Schwarzen Adler« einen Brief mit Todesdrohungen gegen namentlich genannte Einwohner zirkulieren.

Auch die demobilisierten Paramilitärs haben sich längst nicht alle »urbanisiert«. Sie verunsichern zwar nicht mehr das reiche Zentrum der Metropole Bogotá. Doch in den Armenvierteln der Hauptstadt mit Hunderttausenden Flüchtlingen lassen sie des Nachts ihre Macheten noch oft genug niedersausen. Vor allem auf jene Jugendlichen, die anders aussehen, einen Ohrring tragen, nicht in das militarisierte Weltbild passen. Limpieza social, soziale Säuberung, nennen die Mörder diese Aktionen. Andere Jugendliche werden rekrutiert, erhalten den Mindestlohn von 400000 Pesos, dazu ein Handy, eine Waffe.

Immerhin: Die Zeit der Entführungen, der Lösegelder, der Massenmorde ist vorbei. Die Drangsal für die Flüchtlinge, für die um ihr Land betrogenen Bauern, für die vom Bauboom aus Drogengeldern platt gemachten Gemeinden aber wird bleiben. Und wenn die jetzige Popularitätswelle Álvaro Uribe im Jahre 2010 zu einer dritten Kandidatur trägt, wird dieser Teil der Bevölkerung der Wahl wieder fernbleiben, wie schon 2006. Es sei denn, Ingrid Betancourt hält ihr gerade gegebenes Versprechen, ebenfalls zu kandidieren. Sie würde damit auch nach der Befreiung aus dem Dschungel auf einem dornenreichen Pfad bleiben.