Bukavu/Kabare - Wenigstens die Erde könnte endlich Ruhe geben. Der Boden hat wieder gezittert, nicht weiter schlimm, nur ein kleines Nachbeben. Kibala inspiziert den Riss, der sich wie eine schwarze Ader über die Decke seines Amtszimmers schlängelt, und murmelt halblaut vor sich hin, was die deutsche Bauaufsicht dazu sagen würde: "Sofort räumen und abreißen." Solche Sätze, kurz und konsequent, tun gut, auch wenn sie außer ihm keiner hört. Probleme erkennen, Normen anwenden, Lösungen finden – so kennt er das aus seinem alten Leben, damals als Ingenieur im Tiefbauamt im rheinischen Troisdorf und später bei der Deutschen Bahn. Aber jetzt sitzt er in diesem morschen Büro in Bukavu im Osten des Kongos, wo Krisen und Probleme nicht warten, bis sie an der Reihe sind, sondern einfach über einen hereinbrechen. Es ist neun Uhr morgens, und der Tag riecht schon nach Ärger.

In Kabare, nur wenige Kilometer von Bukavu, plündern seit gestern Soldaten der kongolesischen Armee Häuser, weil sie keinen Sold bekommen haben. Die Lehrer, seit vier Monaten ohne Lohn, drohen mit Streik. In Kibalas Vorzimmer wartet der Polizeichef, um Spesen für eine Reise zu kassieren, die eindeutig keine Dienstfahrt war. Und auf Kibalas Schreibtisch stapeln sich Gehaltszettel seiner Angestellten. Eigentlich sollen heute die April-Löhne ausgezahlt werden. Es ist der 3. Juni. Jean Claude Kibala, der an diesem Tag 43 Jahre alt wird, was ihm erst um die Mittagsstunden auffällt, ist der neue Vizegouverneur der Provinz Süd-Kivu und als solcher zuständig für Verwaltung und Finanzen. Er weiß immer noch nicht, wie viele der 275 Lohnempfänger des Gouverneursamts hier wirklich arbeiten und wie viele Karteileichen sind, für die jemand doppelt kassiert, was nach kongolesischer Lesart nicht unter den Tatbestand des Betrugs, sondern unter Selbsthilfe fällt. Se débrouiller, sich durchbeißen, heißt das hier. Gestern hat er auf einer der Gehaltslisten 18 Gärtner gezählt. "Achtzehn!", sagt er und holt tief Luft, als hätte der Arzt ihm verboten, sich aufzuregen. "Und der Garten sieht aus wie der letzte Acker." Er will hier Ordnung reinbringen, "ein wenig Staat schaffen", das hat er sich bei seinem Amtsantritt vor vier Wochen geschworen. Dass ihm dabei die Decke auf den Kopf fallen könnte, zählt derzeit zu den kleineren Problemen.

"Monsieur, Soldaten haben meinem Sohn die Rippen gebrochen"

Die Provinz Süd-Kivu ist für ein solches Vorhaben selbst nach kongolesischen Maßstäben ein besonders hartes Pflaster: 65000 Quadratkilometer Fläche, 500 Kilometer kaum bewachter Grenze zu Ruanda, Burundi und Tansania, geschätzte 50 Kilometer geteerte Straße. Auf 4,5 Millionen Einwohner kommen 300000 Binnenflüchtlinge, mindestens 13 Rebellengruppen. Unter einer spektakulär schönen Berg- und Seenlandschaft liegen die Massengräber aus dem fünfjährigen Krieg, außerdem enorme Vorkommen an Gold, Zinnerz und Coltan, und ganz tief unten der ostafrikanische Graben, der immer wieder die Erde beben lässt. Zuletzt am 3. Februar dieses Jahres, mitten im Gouverneurswahlkampf. Das Radio meldete 40 Tote dies- und jenseits der Grenze. Die Menschen fragten sich in ihren Stoßgebeten, ob Gott die Katastrophen nicht etwas gerechter über die Welt verteilen könnte. Und Kibala fragte sich, ob er nicht doch besser in Troisdorf geblieben wäre, bei seiner Frau, den zwei Söhnen und den deutschen Bauvorschriften. 17 Jahre lang hat er in Deutschland gelebt, den rasanten Absturz seines Landes aus der Ferne beobachtet, bis er es 2006 nicht mehr aushielt und als Parlamentskandidat in seine Heimatprovinz Süd-Kivu zurückging. Der erste Anlauf in der Politik scheiterte. Zwei Jahre später bot ihm die Soziale Bewegung für Erneuerung, ein Zusammenschluss von Bürgerorganisationen, die Kandidatur für das Amt des Vizegouverneurs an.

"Papi, Herrgott noch mal, wo ist meine Tasche?" Papi ist Kibalas Leibwächter, ein dünner, hoch aufgeschossener Kerl mit viel zu großem Jackett und ständig besorgter Miene, was am Bewegungsdrang seines Chefs liegen mag. Es ist 10.30 Uhr, die Auszahlung der April-Gehälter wurde erneut verschoben, Kibala will nach Kabare. Offenbar haben sich die Bewohner dort zum Protest gegen die Armee versammelt, was böse enden kann. Der Konvoi des Vizegouverneurs wälzt sich über die Schotterpiste vorbei an haushoch beladenen Lastwagen, vorbei an dem Gewühl von Wasserverkäufern, Marktfrauen, Geldwechslern, und femmes porteuses, menschlichen Lasteseln, die mit eingestaubten Gesichtern Körbe voller Ziegelsteine schleppen. Es wird viel gebaut in Bukavu, die Kriegsgewinnler investieren in Prestigehäuser, unter Missachtung jeder Vorschrift. "Grundsteuer", sagt Kibala, und knallt mit dem Kopf fast an die Wagendecke, weil der Chauffeur ein Schlagloch getroffen hat. "Die Leute müssen wieder Grundsteuer zahlen."

Geld? Stipendium? Ein guter Posten? Abends kommen die Bittsteller

Über eine Stunde braucht die Karawane für die 30 Kilometer nach Kabare. Alle paar Minuten dudelt eines von Kibalas zwei Mobiltelefonen. Radiostationen möchten Interviews. Sein Chef, der Gouverneur, der selbst gerade mit Rebellenführern über deren Entwaffnung verhandelt, möchte auf dem Laufenden gehalten werden. Dann ein Anruf aus Troisdorf, der Sohn gratuliert zum Geburtstag. "Danke", ruft der Vater. "Alles in Ordnung hier, hab viel zu tun. Wie gehts in der Schule?" Der Mann wirkt nicht wie jemand, der gleich einem Haufen Plünderer gegenübertreten muss.