Der Schweiß läuft, die Sonne brennt. Es hilft alles nichts. Der Weg in die Erdvergangenheit führt in den Schweizer Alpen steil bergauf. Vorneweg stapft David Imper, den mannshohen Wanderstab in der Hand, den Geologenhammer am Gürtel. Er ist bester Laune. Acht Jahre Arbeit haben sich gelohnt. Denn Anfang dieser Woche hat die Unesco beschlossen, auf der Liste des Weltnaturerbes den Namen "Tektonikarena Sardona" zu notieren.

Hinter der exotisch klingenden Bezeichnung verbirgt sich ein Bergtheater ersten Ranges – mit der Glarner Hauptüberschiebung als Hauptattraktion. Zwischen den Kantonen St. Gallen, Glarus und Graubünden lässt sie die Berge Kopf stehen. Schon im Mai waren Experten der International Union for Conservation of Nature zu dem Schluss gekommen, dass kaum ein anderer Ort der Welt besser erkennen lasse, wie Gebirge entstehen.

Als hätte ein Riese die Berge zerlegt und sie falsch zusammengebaut

Der Geologe Imper hat als Projektleiter die Welterbe-Kandidatur zum Erfolg geführt. Heute begleitet er eine Gruppe der St. Gallischen Naturwissenschaftlichen Gesellschaft mitten hinein in die Erdgeschichte. Schon als der Bus den Weg hoch kurvte, in den letzten Winkel des Weißtannentals, war immer wieder ein Blick auf jene markante Linie zu erheischen, die wie mit dem Messer gezogen die Gipfel durchschneidet. Es sieht aus, als hätte ein gelangweilter Riese Berge zerlegt und beim Wiederaufeinanderstapeln einiges durcheinandergebracht. Tatsächlich hat die Glarner Hauptüberschiebung die Gesteinschronologie auf den Kopf gestellt.

Ein Bach quert den Weg. Die Wanderer nutzen das Hindernis zur Pause und legen dem Geologen Steine zur Begutachtung vor: "Grauwacke", taxiert er, oder: "Dolomit." Immer wieder werden ihm rostrote Steine gezeigt. "Sind sie ochsenblutrot ist es Quartenschiefer", erklärt er, "Verrucano hingegen ist stierblutrot." Dann lacht er – ein Scherz. "Für Laien ist es schwer. Ein Fuchs sieht in der ganzen Schweiz gleich aus, Gesteine kaum." Manchmal sind sie verwittert, manchmal nicht. "Und der Verrucano ist hier rot und da oben" – Imper deutet Richtung Gipfel – "werden wir ihn grün finden."

Das Verblüffendste ist, dass "da oben", jenseits der "magischen Linie" der Hauptüberschiebung, überhaupt Verrucano-Gesteine liegen, 250 bis 300 Millionen Jahre alt. Entstanden sind sie in einem wüsten Tal als Abtrag verschwundener Gebirge. Und dass "hier unten" Flysch liegt, gerade mal 35 bis 50 Millionen Jahre alt, Sedimente eines ebenfalls nicht mehr existenten Meeres. Wie gelangten diese geologischen Newcomer unter das Urgestein?

Das fragten sich schon die Forscher im 19. Jahrhundert, als noch die felsenfeste Überzeugung galt: Jüngere Gesteine liegen auf älteren. Warum war es hier umgekehrt? "Damals war die Kontraktionstheorie populär", erklärt Imper, "die ging davon aus, dass die Erde langsam abkühlte und dabei schrumpfte, sodass die Erdoberfläche wie ein alter Apfel Falten warf. Das waren dann die Gebirge." Könnten dabei zwei Falten übereinander gekippt sein und die Schichten durcheinandergebracht haben?