Auf dem Weg nach oben wäre Andrea Schauer zweimal beinahe umgekehrt. Das erste Mal, bevor sie überhaupt bei Playmobil begann. Das zweite Mal, als klar war, dass sie keine andere Wahl haben würde, als Geschäftsführerin des größten deutschen Spielwarenherstellers zu werden. Sie hat eine Verschnaufpause eingelegt – und dann die Regeln aufgestellt, unter denen sie den Job übernehmen würde.

Andrea Schauer ist selbst kein Kind der Generation Playmobil, aber die 49-Jährige kannte die bunten Plastikmännchen von ihrem jüngeren Bruder. Als Studentin hatte sie ihm mal einen Bauarbeiter oder Indianer mitgebracht. Playmobil – das war für sie Jungsspielzeug. Und in den Augen ihrer Eltern war es nicht so wertvoll wie etwa Baukästen oder Konstruktionsspielzeug von Lego oder Fischertechnik.

Als sich Andrea Schauer viele Jahre später als Werbefachfrau bei Playmobil bewarb, ging sie, die bis dahin Marketing für Stifte und medizinische Lasertechnik gemacht hatte, in einen großen Spielwarenladen und verschaffte sich einen Überblick über das Sortiment: »Ich war sehr erschrocken: Bis unter die Decke stapelten sich rosafarbene Kartons mit der Aufschrift Spielwelt 1900. Villen im Stil der Gründerzeit, mit Oldtimern und Gendarmerie.« Andrea Schauer schüttelt den Kopf wenn sie davon erzählt. »Ich dachte, ach du gute Güte, die sind ja total abgedriftet.«

Sie fragte sich, wie diese Massen je verkauft werden sollen. Und was die Kinder damit wohl spielten. Und sie bekam Zweifel, ob sie wirklich für dieses Produkt Werbung machen wollte. Während sie darüber nachdachte, ersann sie eine Strategie – und bekam den Job. Sie recherchierte, wie Kinder mit der Villa spielten, setzte in der Firma einen »Arbeitskreis Pink« ein, nahm die Oldtimer aus dem Konzept, empfahl Fernsehwerbung – und setzte mit der Villa gezielt auf die Mädchen. Aus der Spielwelt 1900 wurde das Playmobil-Puppenhaus. Das erste Produkt für Mädchen. »Das war gewissermaßen das Entrée«, sagt Andrea Schauer.

Sie erfand einen Adventskalender, der Kindern eine Geschichte erzählt

So fügte sich eines zum anderen: Im Herbst 1992 trat die Fränkin ihren Job an, im November erstand sie Plastikhäschen, Adler, Schimpanse und anderes Getier, steckte sie in kleine Beutel und bastelte für ihren zweijährigen Sohn einen Adventskalender. Sie stellte fest, dass man nicht beliebig Tiere in 24 rote Beutel füllen kann, sondern dass eine Geschichte damit erzählt werden muss – und trug ihre Idee in die Firma.

Es dauerte vier Jahre, bis der Playmobil-Adventskalender auf den Markt kam. »Dafür musste ich kämpfen – gerade dem Chefentwickler war das zu sehr festgelegt. Und ich war ja ein No-Name hier. Aber wenn die Entwickler mir meinen Adventskalender nicht umgesetzt hätten, wäre ich auf die Barrikaden gegangen.« Diese Begebenheit ist charakteristisch für die blonde zierliche Frau. Wenn sie von etwas überzeugt ist, bleibt sie dran, bis sie ihr Ziel erreicht hat.