Gegen Kieferorthopäden hat keiner Einwände, jedenfalls nicht im moralischen Sinne. Gerade Zähne zu haben gilt in wohlhabenden Gesellschaften als eine Art Menschenrecht. Aber es bestreitet auch keiner, dass die Grenze zwischen medizinischer Heilung und der Optimierung des Aussehens bei der Verordnung von Zahnspangen fließend ist. Unter Pubertierenden gelten diese Spangen als cool, wohl auch, weil ihre unperfekten Besitzer ahnen, dass sie Perfektionierung bedeuten. Wenn nun immer mehr Kinder zu betteln anfingen, sie wollten eine coole Zahnspange zum Geburtstag bekommen – wäre man skeptisch, weil sich solch eine Spange die wenigsten leisten können, aus Gerechtigkeitsgründen also? Oder aus welchem Grund sonst?

Fragen solcher Art stellt Michael J. Sandel. Und in seinen Antworten nimmt er ein verbreitetes Gefühl des Unbehagens ernst, das sich angesichts der medizinischen Modulierung der menschlichen Ausstattung heute einstellt. Sandel ist Professor im amerikanischen Harvard und ein politischer Philosoph, dessen Ansehen auch darauf beruht, dass er beim Argumentieren weder vor Kieferorthopäden noch vor dem Körpergewicht von Footballstars haltmacht. Er kennt Zahlen, Statistiken, Firmenprofile. Die Alltagssattheit seines Denkens hat zu Sandels Ruf als Lehrer beigetragen, in dessen Gerechtigkeits-Vorlesung die Plätze so knapp sind, dass im Zweifel das Los entscheidet.

Dieses Buch warnt vor freiwilliger Freiheitsberaubung

Dass diesem politischen Philosophen, von dessen Büchern bisher nur eines ins Deutsche übersetzt war, mehr Aufmerksamkeit zukommen sollte, mag nun die Tatsache andeuten, dass Jürgen Habermas ein empfehlendes Vorwort zum neuen Buch des Kollegen beigesteuert hat, auch wenn der anders denkt. Es heißt Plädoyer gegen die Perfektion, Habermas nennt es ein »Büchlein«, dabei ist es die Sorte Buch, die spätabends ein müder Arzt, der seinen Kundinnen auf deren Wunsch und zum eigenen Nutzen das alternde Gesicht wieder jung spritzt, noch verstehen kann. Es warnt vor freiwilliger Freiheitsberaubung.

Was Freiheit hieße, ist aber strittig. In der politischen Philosophie hat in der jüngeren Vergangenheit kaum eine Debatte die Geister so erhitzt wie die zwischen den sogenannten Kommunitaristen und Liberalen. Der junge Michael J. Sandel, Schüler von Charles Taylor, hat 1982 mit seinem Buch Liberalism and the Limits of Justice den maßgeblichen Anstoß zu dieser Debatte gegeben. Es gab nie eindeutige Lager, in die sich die Positionen der Beteiligten von Taylor über Sandel bis Habermas einfach sortieren ließen, immer aber ging es um die Frage, wie autonom der einzelne Bürger in seiner Freiheit ist, sein kann, sein sollte. Und ob der Egoismus Gemeinwesen zerstört. Ganz grob würde etwa Habermas sagen: Autonomie umfasse mehr als die Freiheit, das auszuwählen, was einem selbst am besten gefällt oder nutzt; sie bedeute, klug im Interesse aller handeln zu können, sich also auch zu begrenzen. Sandel hat anders gewichtet: Das Menschenbild der liberalen politischen Theorie gehe von einem autonomen Einzelnen aus, den es gar nicht gebe, denn ein jeder werde von Anbeginn durch Gemeinschaften bestimmt. Weswegen Freiheit immer auch Einsicht in die Macht des Gegebenen heiße.

Was Sandel nun in seinem Plädoyer gegen die Perfektion umtreibt, ist die Erosion des Sozialen: Demut, Verantwortung und Solidarität, sagt er, würden beschädigt, wenn jedermanns Selbstoptimierung üblich würde und an die Stelle des Zufalls der Begabungen eine Kontrollwut träte, die alles Natürliche meinte beherrschen zu können. »Aber unsere Natur zu verändern, damit sie in die Welt passt, und nicht umgekehrt«, schreibt Sandel, »ist in der Tat die tiefste Form der Entmachtung. Es lenkt uns davon ab, kritisch über die Welt nachzudenken, und betäubt den Drang nach sozialer und politischer Reform.«

Wie der Mensch seine Natur reformiert und sich damit selbst der Freiheit beraubt, sich mit anderen zu politisieren, erzählt Michael Sandel in Geschichten von menschlichen Sonderanfertigungsansprüchen, die selbst hartgesottene Liberale schaudern lassen können. Es sind Geschichten, bei denen der Staat, neutral, wie er ist, zuguckt und in denen Formen der Eugenik mit marktgerechtem Konsumverhalten und ärztlicher Praxis zusammentreffen.

Etwa so: Einer bietet, mit einer Anzeige in den Zeitungen von amerikanischen Spitzenhochschulen, 50000 Dollar für die Eizellspende einer gesunden jungen Frau von zumindest 178 Zentimetern Körpergröße und mit Spitzenergebnissen in den akademischen Tests. Oder so: Eine Firma kann den Preis für das Klonen der toten Lieblingskatze auf 32000 Dollar senken und obendrein eine Geld-zurück-Garantie anbieten, falls die Kreatur dann doch nicht den Ansprüchen genügt. Oder so: Ein Wachstumshormon, das kleinen Kindern auf Wunsch der Eltern zu mehr Körperlänge verhelfen soll, wird außerhalb des medizinisch zugelassenen Bereichs so regelmäßig verordnet, dass dieser Missbrauch 40 Prozent sämtlicher Verordnungen ausmacht. Und so: Die Produktion des Psychopharmakons Ritalin, das Kindern zur Förderung der Konzentration verabreicht wird, natürlich auf Wunsch der Eltern, ist in Amerika von 1987 bis 2002 um 1700 Prozent gestiegen, die eines vergleichbaren anderen Amphetamins sogar um 3000 Prozent. Milliardengeschäfte mit der menschlichen Angst, aus krummem Holze zu sein.