Unter der Fluglärmglocke

Im stillen Augenblick vor der Apokalypse kreuzen drei Hasen einen Uferweg. Der Vorhang aus hohem Gras öffnet und schließt sich. Lila Dämmerlicht schimmert überm gefluteten Tagebau, dass man beinahe wieder ans menschenmachbare Paradies auf Erden glauben will. Diese zartgrünen Gestade, mit Windrädern verziert! Dieser glatte Wasserspiegel von Horizont zu Horizont! "In der Zeit des Verrats sind die Landschaften schön", hat der Dramatiker Heiner Müller 1958 geschrieben, doch erst jetzt, ein halbes Jahrhundert später, irgendwo zwischen Autobahnabfahrt Leipzig-Nord und Braunkohlerestloch Goitzsche, zeigt sich das Ausmaß des schönen Verrats.

Es beginnt als Brummen, dessen Ursache man nicht sieht. Es klingt wie nachhallender Donner, steigert sich aber bedrohlich, dass die Schafgarbe erzittert und die Fahrradausflügler sich über ihre Lenker ducken. Dann taucht aus den Wiesen die Antonov An-124-100 auf, das größte Transportflugzeug der Welt, das der Stolz Sowjetrusslands war und nun Militärfracht für die Nato fliegt. Mit doppelt so viel Dezibel, wie das Gesundheitsministerium empfiehlt, donnert der apokalyptische Vogel aus der Vergangenheit in die Zukunft.

Das wahre Gegenwartstheater findet längst nicht mehr im Theater statt, sondern im öffentlichen Raum, und meist sind die Stücke keine Stücke, sondern wie in diesem Fall Happenings. Landpartie mit Flughafen hieß die eindrucksvollste Inszenierung beim Festival Theater der Welt. Der Künstler, Stadtforscher und gewesene Schäfer Boris Sieverts führte an drei Tagen je ein Dutzend wanderfreudige Menschen von Halle zum Flughafen Leipzig/Halle, und zwar auf der ehrlichsten Route, auf Luftlinie. Sieverts’ Methode ist der alternative Ausflug entlang der Abbruchkanten der Zivilisation. Was in den 1960ern als fröhliche Aktionskunst begann, in den Siebzigern Agitprop und in den Neunzigern Mode wurde, hat sich dank einer intelligenten Kommunikationsguerilla (von Umberto Eco bis Christoph Schlingensief) zur neuen Ästhetik der Aufklärung entwickelt. Sie lehrt uns unseren Alltag sehen und stört unser gemütliches Verhältnis zur Wirklichkeit: durch subversives Nachahmen, Beschönigen, Überbieten.

Zu Fuß und mit dem Traktor durch die Nachwendelandschaft

Unsere Gruppe trifft sich um zehn Uhr morgens am südwestlichen Stadtrand von Halle, hinter einem dieser provisorischen Gebrauchtwagenhändler, wie sie auch andernorts an Straßenbahnendhaltestellen wuchern. Sieverts – in Wanderschuhen und Cargohose – zeigt uns den für Siedlungsränder typischen Epochenclash, der in Ostdeutschland besonders auffällig sei. Gründerzeitvilla neben Tankstelle neben Rübenfeld neben Fahrkartenautomat. Dann gehen wir los: auf Trampelpfaden, durch Eigenheimsiedlungen, über Weizenfelder, an Schuttbergen entlang, über verlassene LPG-Gelände. Wir erproben alte Fortbewegungsarten: zu Fuß, per Traktor, mit dem Fahrrad. Wo wir sonst blind vorbeieilen, schauen wir zweimal hin. Wir sehen die blauen Schlosseranzüge der Langzeitarbeitslosen an der Wäscheleine baumeln. Wir pflücken Kirschen. Während das Getreide schulterhoch wogt, grüßt der Tower des Airports als Miniaturleuchtturm in weiter Ferne. Nachmittags werden wir im Flughafen über ein verbotenes Wandbild diskutieren, das nicht angebracht werden durfte, weil es Passagiere mit geschulterten Gewehren zeigt, das sind die Soldaten der U.S. Army, die hier umgeladen werden. Abends, im weiten Baggersee dümpelnd, werden wir das Wesen unserer Epoche tiefer erfassen als in einer tagelangen Klassikerinszenierung Peter Steins.

Man kann Goethes Faust zwar in schrillen "Locations" spielen, aber die Gleichzeitigkeit von Aufbruch und Niedergang, wie sie für europäische Gesellschaften heute prägend ist, lässt sich im Theater alter Schule nicht abbilden. Deshalb entstanden in der letzten Jahren immer mehr Spielformen, die das Transitorische, Zufällige, Disparate unserer Existenz zeigen. Vielleicht ist die gebundene dramatische Form ungeeignet, um das Ausgeliefertsein des modernen Individuums an selbst geschaffene Dämonen zu beschreiben: wie eine Antonov als brüllendes Verhängnis über ihre Erbauer hinwegrast. Keine Tragödie und kein millionenteurer Film können die elementare Wucht vermitteln, mit der sich an einem beliebigen Schladitzer Sommertag die Fortschrittsmaschine in eine Waffe verwandelt.

Aber die Antonov ist nicht die einzige Waffe. Es gibt auch die MD 11 und die Boeing 777. Deshalb hat die vielköpfige Mannschaft des Kunstprojektes AusFlughafenSicht schon vor Monaten mit archäologisch-soziologischen Grabungen am nahe liegenden Ort begonnen, veranstaltete im April eine Konferenz über den erweiterten Theaterbegriff und spielte nun fürs Festival Schlüsselszenen aus dem entgrenzten Kapitalismus. Die Intendantin des halleschen Thalia-Theaters Annegret Hahn hatte einen der am schwächsten ausgelasteten Passagierflughäfen Deutschlands, der zugleich einer der meistfrequentierten Frachtflughäfen Europas und eine der weltgrößten Lärmmülldeponien ist, zur Bühne erkoren. Das Thema war klassisch-antikisch der Verrat des Menschen am Menschen. Die Fragen lauteten aktuell: Wie viel Wirtschaft verträgt eine Region? Womit darf man Profit machen? Was kostet ein neu geschaffener Arbeitsplatz im konjunkturschwachen Vorruhestandsidyll? Um möglichst kontroverse Antworten geben zu können, suchte das Kuratorenteam Cora Hegewald und Benjamin Foerster-Baldenius sich Kommunikationsguerilleros verschiedener Professionen (Architekten, Maler, Schriftsteller, Historiker, Regisseure, Choreografinnen) für verschiedene Spielflächen (einerseits die Terminals, andererseits Kursdorf).

Unter der Fluglärmglocke

Kursdorf heißt wirklich so und ist von den siechenden Dörfern unter der Fluglärmglocke, die sich über insgesamt 100000 Menschen wölbt wie eine permanente Naturkatastrophe, das melancholischste. 50 Menschen von einstmals 300 harren noch in den hübschen Häusern hinter den nutzlosen Lärmschutzwänden aus, die bloß psychologische Wirkung haben. Die letzten Mohikaner sind umschlossen von den Trassen des beschleunigten Millenniums – Rollfeldern, Autobahn, ICE-Strecke – wie der einsame Automobilist in James Graham Ballards negativer Utopie Die Betoninsel. Der Held der Novelle strandet im Inneren eines Autobahnkreuzes und lebt dort wie ein Schiffbrüchiger auf einer Insel. Sein Schicksal ist Verwilderung durch Zivilisation. Aber wer Kursdorf als die normal verwilderte Insel unserer Zeit betrachtet, übersieht die besondere Situation im sozial schwachen Neufünfland. Inwiefern hier Bürgerinteressen gegen Investorenbegehrlichkeiten noch weit weniger als anderswo gelten, das unter anderem haben die Künstler anschaulich gemacht.

Neue politische Erzählformen für ein flexibles Publikum

In London-Heathrow beispielsweise wurden 17 Nachtflüge als menschenrechtswidrig verboten. Im dicht besiedelten Raum Leipzig/Halle dagegen fliegt DHL ungehindert mit 60 Frachtmaschinen pro Nacht, dazu kommen die Antonovs, dazu kommen die Maschinen von World Airways, einer amerikanischen Airline, die als Zivilflüge deklarierte Militärtransporte abwickelt: GIs, die nach Afghanistan und in den Irak unterwegs sind, steigen hier um; Maschinen werden gewartet und aufgetankt. Der Geschäftsführer des Flughafens findet, dass die Region es sich nicht leisten könne, Soldatentransporte abzulehnen und ruhig zu schlafen.

Weil sie diesen Krieg-im-Frieden öffentlich thematisiert haben, bekamen Jan Caspers, Vera Tollmann, Jan Wenzel und Anne König Ärger mit dem Flughafenchef. Nachdem er ihre Recherchen sowie eine ganze Reihe weiterer Kunstaktionen zunächst unterstützt hatte, machte er von seinem Hausrecht Gebrauch und verbot ein großflächiges Wandbild, das auf 30 Meter Fensterfront heikle Umsteigesituationen zeigte. Auf einem überdimensionalen Scherenschnitt sieht man schwarze Comicfigürlein mit Stahlhelmen und Gewehren eine Gangway hinaufklettern. Auf der anderen Seite des Flugzeugs steigen sie aus, gehen in Gefechtsstellung und erschießen eine harmlose Figur. Zwei andere Figuren beugen sich erschrocken über den Toten und heben wehklagend die Hände. Diese kindlich-brutale Szene mit dem lakonischen Titel Was du wissen solltest (Die Zukunft) wollte der Flughafen seinen zahlenden Touristen lieber vorenthalten.

Als hätten zumindest Einheimische nicht längst gemerkt, dass die Zukunft der einstigen Chemieregion der Vergangenheit ähnelt. Wo die giftigen Wolken von Buna sich verflüchtigten, senkt sich nun Kerosingestank herab. Wo Gras über sozialistische Landschaftsverheerungen wuchs, rollt die Geräuschlawine. Aber 3000 Zeitungen mit der Überschrift Was du wissen solltest wurden trotzdem gedruckt, darin kann man Interviews mit dem Flughafengeschäftsführer und einem Aktivisten des Vereins Nachtflugverbot lesen. Seit Dienstag hängen Teile des verbotenen Flughafenfrieses in Leipzig auf dem Gelände der alten Spinnerei.

Dank Theater der Welt wurden also ein paar brisante Wahrheiten ans Licht gebracht. Dass das sehr politische Festival sich mit einer wahrhaft sozialistischen Zuschauerauslastung von 97 Prozent brüsten durfte, lag aber vor allem am Mut zu neuen Erzählformen. "Die Erfahrung einer zusammenhanglosen Zeit bedroht die Fähigkeit der Menschen, ihre Biografien zu durchhaltbaren Geschichten zu formen", schreibt der amerikanische Soziologe Richard Sennett über den flexiblen Menschen im globalen Kapitalismus. Die Festivalmacher haben gezeigt, wie man die zusammenhanglose Zeit erzählen kann. Diffuse Ängste lassen sich fassen, gefühlte Unfreiheit lässt sich rational begründen, und die alltägliche Apokalypse überm Schladitzer See zu bekämpfen erscheint aus Theaterperspektive als lohnendes Ziel, das unseren flexibilisierten Biografien wieder Form geben könnte.