Kursdorf heißt wirklich so und ist von den siechenden Dörfern unter der Fluglärmglocke, die sich über insgesamt 100000 Menschen wölbt wie eine permanente Naturkatastrophe, das melancholischste. 50 Menschen von einstmals 300 harren noch in den hübschen Häusern hinter den nutzlosen Lärmschutzwänden aus, die bloß psychologische Wirkung haben. Die letzten Mohikaner sind umschlossen von den Trassen des beschleunigten Millenniums – Rollfeldern, Autobahn, ICE-Strecke – wie der einsame Automobilist in James Graham Ballards negativer Utopie Die Betoninsel. Der Held der Novelle strandet im Inneren eines Autobahnkreuzes und lebt dort wie ein Schiffbrüchiger auf einer Insel. Sein Schicksal ist Verwilderung durch Zivilisation. Aber wer Kursdorf als die normal verwilderte Insel unserer Zeit betrachtet, übersieht die besondere Situation im sozial schwachen Neufünfland. Inwiefern hier Bürgerinteressen gegen Investorenbegehrlichkeiten noch weit weniger als anderswo gelten, das unter anderem haben die Künstler anschaulich gemacht.

Neue politische Erzählformen für ein flexibles Publikum

In London-Heathrow beispielsweise wurden 17 Nachtflüge als menschenrechtswidrig verboten. Im dicht besiedelten Raum Leipzig/Halle dagegen fliegt DHL ungehindert mit 60 Frachtmaschinen pro Nacht, dazu kommen die Antonovs, dazu kommen die Maschinen von World Airways, einer amerikanischen Airline, die als Zivilflüge deklarierte Militärtransporte abwickelt: GIs, die nach Afghanistan und in den Irak unterwegs sind, steigen hier um; Maschinen werden gewartet und aufgetankt. Der Geschäftsführer des Flughafens findet, dass die Region es sich nicht leisten könne, Soldatentransporte abzulehnen und ruhig zu schlafen.

Weil sie diesen Krieg-im-Frieden öffentlich thematisiert haben, bekamen Jan Caspers, Vera Tollmann, Jan Wenzel und Anne König Ärger mit dem Flughafenchef. Nachdem er ihre Recherchen sowie eine ganze Reihe weiterer Kunstaktionen zunächst unterstützt hatte, machte er von seinem Hausrecht Gebrauch und verbot ein großflächiges Wandbild, das auf 30 Meter Fensterfront heikle Umsteigesituationen zeigte. Auf einem überdimensionalen Scherenschnitt sieht man schwarze Comicfigürlein mit Stahlhelmen und Gewehren eine Gangway hinaufklettern. Auf der anderen Seite des Flugzeugs steigen sie aus, gehen in Gefechtsstellung und erschießen eine harmlose Figur. Zwei andere Figuren beugen sich erschrocken über den Toten und heben wehklagend die Hände. Diese kindlich-brutale Szene mit dem lakonischen Titel Was du wissen solltest (Die Zukunft) wollte der Flughafen seinen zahlenden Touristen lieber vorenthalten.

Als hätten zumindest Einheimische nicht längst gemerkt, dass die Zukunft der einstigen Chemieregion der Vergangenheit ähnelt. Wo die giftigen Wolken von Buna sich verflüchtigten, senkt sich nun Kerosingestank herab. Wo Gras über sozialistische Landschaftsverheerungen wuchs, rollt die Geräuschlawine. Aber 3000 Zeitungen mit der Überschrift Was du wissen solltest wurden trotzdem gedruckt, darin kann man Interviews mit dem Flughafengeschäftsführer und einem Aktivisten des Vereins Nachtflugverbot lesen. Seit Dienstag hängen Teile des verbotenen Flughafenfrieses in Leipzig auf dem Gelände der alten Spinnerei.

Dank Theater der Welt wurden also ein paar brisante Wahrheiten ans Licht gebracht. Dass das sehr politische Festival sich mit einer wahrhaft sozialistischen Zuschauerauslastung von 97 Prozent brüsten durfte, lag aber vor allem am Mut zu neuen Erzählformen. "Die Erfahrung einer zusammenhanglosen Zeit bedroht die Fähigkeit der Menschen, ihre Biografien zu durchhaltbaren Geschichten zu formen", schreibt der amerikanische Soziologe Richard Sennett über den flexiblen Menschen im globalen Kapitalismus. Die Festivalmacher haben gezeigt, wie man die zusammenhanglose Zeit erzählen kann. Diffuse Ängste lassen sich fassen, gefühlte Unfreiheit lässt sich rational begründen, und die alltägliche Apokalypse überm Schladitzer See zu bekämpfen erscheint aus Theaterperspektive als lohnendes Ziel, das unseren flexibilisierten Biografien wieder Form geben könnte.