Die wichtigste Regel bei allen Wahlen ist, dass es einen Unterschied bedeuten sollte, wer sie gewinnt. Bei den Präsidentschaftswahlen 2008 scheint das anders. Egal ob Obama oder McCain – die Welt hofft, der nächste Präsident der Vereinigten Staaten werde das Land wieder in seinen "wahren" Zustand versetzen, aus dem es von George W. Bush jäh gerissen worden sei. Die Hoffnung ruht auf der Annahme, Bushs Außenpolitik sei "unwahr", ja "unamerikanisch" gewesen.

Diese Annahme ist irreführend. Bushs Außenpolitik bewegte sich im Rahmen der traditionellen nationalen Interessen und Glaubenssätze. Sie werden auch die Spielräume des neuen Präsidenten beschränken.

Die amerikanische Weltsicht wird häufig mit den Begriffen Freiheit und Liberalismus zusammengefasst. Wirtschaftlicher Liberalismus – so der feste Glaube in den USA – nutze nicht nur Amerika, sondern auch seinen Handelspartnern. Mehr noch: Er beschere allen Beteiligten Freiheit – wenn nicht sofort, dann später. Sowohl der Liberalismus als auch die Freiheit förderten den Frieden – und dieser den Handel. Umgekehrt werden illiberale Wirtschaftsformen als existenzielle Bedrohung wahrgenommen, als Gefahr nicht nur für den Handel, sondern auch für die Freiheit Amerikas.

In der politischen Praxis bedeutete dies stets: so viel Liberalisierung wie möglich und so viel "Befreiung" wie nötig, wann immer ein Teil der liberalen Weltwirtschaft in Richtung Sozialismus oder Autarkie abzudriften schien. Das doppelte Gebot von Liberalisierung und Befreiung ist seit je ein Bestandteil der Kultur Amerikas. Es wird von der großen Mehrheit der Amerikaner geteilt, ganz gleich, welche Partei sie wählen. Kein Präsidentschaftskandidat wird es wagen, sich außerhalb dieses politischen Rahmens zu bewegen.

Gemäß dieser Weltsicht handelte Amerika schon in seinen Anfangsjahren. Noch vor dem Bürgerkrieg schickte Washington sein Militär nach Afrika und Lateinamerika, nach Japan und China, um Märkte zu erschließen, Rohstoffe zu sichern – aber auch, um, nach den Worten von Präsident Andrew Jackson (1829 bis 1837), "den Raum der Freiheit auszuweiten". Die Unternehmer hofften auf gute Geschäfte, ihre Arbeitnehmer auf mehr Jobs. Woodrow Wilson predigte 1916 seinen Landsleuten: "Brecht auf und verkauft Güter – das wird die Welt ersprießlicher machen und die Menschen von den Prinzipien Amerikas überzeugen."

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges funktionierte der missionarische Liberalismus in Westeuropa hervorragend. Die USA befreiten Europa von den Nazis und – präventiv – vom Kommunismus. Der Marshallplan brachte die europäische Wirtschaft in Schwung und schuf neue Märkte für die amerikanische Industrie. Trumans Pläne erforderten, wie der Nationale Sicherheitsrat 1950 schrieb, die "weltweite militärische Überlegenheit" der Vereinigten Staaten – inklusive der Ausrüstung geheimer Trupps durch CIA und Nato, um kommunistische und zuweilen auch sozialistische Parteien zu eliminieren. In Amerika bereitete das niemandem Skrupel – und in Europa akzeptierte man es.

Die amerikanische Nachkriegspolitik stand mit dem Doppelgebot des Befreiens und Liberalisierens im Einklang. Die reifen Vorkriegsmärkte sowie Europas aufgeklärte Traditionen ließen sich ohne Weiteres wieder zum Leben erwecken. Doch diese Bedingungen waren einzigartig. Nirgends sonst wiederholte Amerika daher sein europäisches Nachkriegsmodell – nicht in den asiatischen "Tigerstaaten" Südkorea und Taiwan, wo die USA noch bis in die neunziger Jahre Diktaturen unterstützten, und schon gar nicht in den Entwicklungsländern.