Schwere Gewitter sind in der Nacht über das Dorf gekommen, haben den Fluss anschwellen lassen und die Wege überschwemmt. Xu Jiehua lag im ersten Stock ihres Hauses und fürchtete sich, seit Monaten ist sie in dem breiten Bambusbett allein. Am Ufer des Tai-Sees im Osten Chinas hat es seit vielen Jahren nicht mehr so stark geregnet, doch immerhin bringt der Regen sauberes Wasser – mit diesem Gedanken schlief Xu spät in der Nacht ein. Es gibt nichts, was sich die Bauern an dem von Industrieabfällen verseuchten See so sehr wünschen wie sauberes Wasser, auch Xu. Nur eines ersehnt sie sich noch mehr: dass ihr Mann Wu aus dem Gefängnis wiederkehrt.

Als Xu am Sonntagmorgen aufsteht, hat es aufgehört zu regnen, der Himmel über dem Dorf ist grau. Sie isst eine Schale Reissuppe, trinkt heißes Wasser aus einem Mineralwasserbehälter. Wie die meisten Chinesen auf dem Land ist sie an ein asketisches Leben gewöhnt. Aber wirklich arm sind hier in der Nähe Shanghais nur wenige, dafür sorgen die vielen Fabriken. Xu wohnt mit ihrer 16-jährigen Tochter inmitten von Reisfeldern, in einem Haus aus Stein. Weiß geflieste Wände, Töpfe mit Stockrosen. Die Fenster des Hauses sind mit dicken Eisenstäben vergittert. Die Balkontür im ersten Stock ist zersplittert – dort, wo die Polizisten eine Leiter angelegt und das Schloss aufgebrochen haben, als sie Wu verhafteten.

Wu Lihong ist einer der bekanntesten Umweltschützer Chinas. Ein Arbeiter, der ganz allein gegen die Fabriken und die Behörden kämpfte. Seinen Namen kennen sie auch in Peking. Mehr als zehn Jahre lang hat Wu sich für den Tai-See eingesetzt, eines der größten Binnengewässer des Lands. 30 Millionen Menschen leben an seinem Ufer. An die 3000 Fabriken leiten ihre Abwässer ungeklärt in den See. Trotzdem taten die Funktionäre so, als sei alles in Ordnung. Wu deckte auf, dass die Stadt Yixing Abwassertests fälscht. Mehr als 200 Mal zeigte er Unternehmen an, zwang Fabriken Geldstrafen auf.

"Jetzt kann er im Gefängnis darüber nachdenken, was Familie für ihn bedeutet", sagt Xu. Sie ist auf ihren Mann genauso wütend wie auf die Behörden. Wu und sein ewiger Kampf um den See! In was für eine Lage hat er Xu gebracht. Eine kleine, robuste Frau von 40 Jahren, die ersten grauen Strähnen im Haar. Einer seiner wenigen Freunde wird heute zu Besuch kommen, an diesem bleigrauen Sonntag wollen sie sich beraten. Der Freund ist Xus einziger Beistand. Sie weiß nicht, dass der Tag bald einen weiteren Sturm bringen wird, ein Unwetter ganz anderer Art.

Sie sagte: Du stürzt uns ins Unglück! Er antwortete: Einer muss was tun

Vor den Olympischen Spielen in Peking geht China mit noch härterer Hand als sonst gegen Bürger vor, die sich das Recht nehmen, den Staat anzugreifen – auch gegen Umweltschützer. Zwar erlässt die Zentralregierung längst moderne Umweltgesetze, und in den Städten wächst eine junge Ökobewegung. Doch diese wird vom Staat streng kontrolliert. Und korrupte Kader in den Provinzen verhindern, dass die Gesetze angewandt und Schuldige bestraft werden.

Dabei hätte China mit seiner überhitzten Wirtschaft guten Grund, sich mehr als bisher um die Natur zu sorgen. Ein Drittel aller chinesischen Flüsse ist verseucht. Jährlich sterben Hunderttausende durch schmutzige Luft und an verunreinigtem Wasser. In diesem Jahr wird China die USA als größter Kohlendioxidsünder ablösen. Chinas Umweltkatastrophe ist längst ein globales Problem. Aber niemand riskiert wirklich etwas, um dagegen vorzugehen– außer ein paar Einzelgängern wie Wu. Einige Tausend gibt es im Land, schätzen Umweltorganisationen. Wenn in China die Welt gerettet werden kann, dann müsste man hier anfangen, am Tai-See. Doch wer könnte Wus Erbe antreten? Höchstens seine Frau Xu.