Der Schnee! Wo bin ich? Wie bin ich hierher gekommen?" fragt sich der Reisende am 18.Oktober 1811 in seinem Tagebuch. "Nicht eine Seele, mit der ich sprechen könnte. Ich weinte, überwältigt von meinen Gefühlen, nicht aus Kummer."

Natürlich weiß er, wo er sich befindet: auf halbem Wege zwischen Paro und Phari inmitten der zerklüfteten Bergriesen des Vorderen Himalaya, in Bhutan. Nein, nicht nach dem Ort fragt er sich, sondern nach dem Zweck: Ist das ferne Ziel, das er sich gesetzt hat, auf diesem Weg, unter diesen Umständen wirklich zu erreichen?

Eine Bergtour von mehr als fünf Wochen liegt hinter Thomas Manning. Sein Ziel ist an diesem Abend in dem elenden, von Ungeziefer und Ratten bevölkerten Nachtquartier in 3000 Meter Höhe allerdings kaum mehr als eine vage Hoffnung: erst Tibet und dann China, bis nach Peking will er.

Manning ahnt nicht, dass er mit dem Aufstieg in das Gebirgsmassiv des Himalaya den beschwerlichsten Teil seiner Reise schon hinter sich gebracht hat: eine Reise auf kaum gebahnten Pfaden, durch reißende Flüsse, "mitunter bis zum Gürtel im Wasser", an schwindelnden Abgründen entlang und über "entsetzlich steile" Berge. Von einem chinesischen Soldaten hat er sich unterwegs einen "dicken, schweren Rock" und eine "Schaffell-Unterjacke" erborgt – und ist von dem erbarmungslosen, kalten Wind dennoch so "zerbissen und zerschnitten", dass Fieberschübe und rheumatische Anfälle zu seinen ständigen Begleitern werden.

Diese und andere Nöte sind ihm indessen kaum mehr als beiläufige Tagebucheintragungen wert. Hitze und Kälte, Atembeschwerden und Sehstörungen notiert er nebenbei und mit einer gehörigen Portion Selbstironie. "Ich finde", notiert er, als er einmal mit wunden Füßen und großen Mühen einen steilen Hang hinaufgekrochen ist, "dass mir das Heraufsteigen nicht bekommt, vielleicht weil ich mich nach dem Willen der Natur auf dem absteigenden Wege befinde."

Die chinesischen Mandarine gelten als "Schufte und Spitzbuben"

Thomas Manning gehört zu den außergewöhnlichsten Reisenden in der an außerordentlichen Persönlichkeiten gewiss nicht armen Geschichte des Reisens. Als zweiter Sohn des Pfarrers William Manning war er am 8. November 1772 in dem kleinen Ort Broome in Norfolk zur Welt gekommen, ein Kind von zarter Gesundheit, das vom Vater zu Hause unterrichtet wurde. In Cambridge studierte er Anfang der neunziger Jahre Mathematik und freundete sich mit dem etwa gleichaltrigen Charles Lamb an, der Generationen von englischen Schülern vor allem als Nacherzähler der Shakespeare-Dramen vertraut ist.