Es war mehr ein Rauschen und Brausen, aus dem sich stoßweise rhythmisches Hacken oder Schreien oder etwas wie kreischendes Sägen lösten. Es klang wie das Getöse einer Fabrik, in der ständig neuer Maschinenlärm einsetzt, begleitet von undeutlichen Befehlen oder Hilferufen. Es kam übersteuert und ziemlich leiernd aus dem flachen schwarzen Rekorder, der zwischen uns auf dem Teer lag und dessen Batterien immer schwächer wurden. Wir hingen so dicht mit den Köpfen darüber, dass sich mehrmals unsere Scheitel berührten. Ich kannte den Jungen nicht gut, hatte eher immer ein bisschen Angst gehabt vor ihm. Doch das zählte jetzt nicht. Da war nur das Brausen um uns, dessen Widerhall in unseren einander berührenden Köpfen und eine nie gekannte Art von Einverständnis.

Der Junge wohnte in dem sechsstöckigen Flachbau, der zwischen den Mietshäusern stand und damals das erste Hochhaus weit und breit gewesen war, ich hatte von meinem Kinderzimmerfenster aus zugeschaut, als man es hochzog, stolz darauf, dass ich das miterleben durfte. Ein paar Jahre später, als wir an den Rand der Stadt gezogen waren, streifte ich noch immer, um die alten Spielkameraden zu treffen, nachmittags durch die Grünanlagen, dessen Glanz inzwischen verblasst war. Das Blau in den Balkonnischen blätterte, der Beton zeigte Flecken. Dort, wo früher unsere verwilderten Kindertreffpunkte waren, herrschte hingegen gepflegte Ödnis. Meist suchte ich vergeblich.

Als der Junge mit dem Rekorder erschien, war ich daher froh, trotz meiner Befangenheit ihm gegenüber. Ich ging auf ihn zu, er aber schlurfte, ohne mich anzusehen, vorbei, setzte sich am Rand des Parkplatzes auf den Boden und startete sein Gerät. Er war etwas älter als ich, vielleicht dreizehn. Seine Eltern hatten offenbar nichts dagegen, dass er sich die Haare wachsen ließ. Sie fielen ihm vors Gesicht, als er mit dem Oberkörper leicht vor und zurückzuschaukeln begann. Vorsichtig versuchte ich mich noch einmal zu nähern. Er schaltete sofort wieder ab. Also hockte ich mich in einiger Entfernung selbst auf den Boden.

Ich kann nicht sagen, ob es zwei oder zwanzig Minuten dauerte, bis er das Wort an mich richtete und fragte, ob ich The Who kennen würde. Ohne die Antwort abzuwarten, stellte er den Rekorder an. Meine windigen Englischkenntnisse hätten nicht ausgereicht, um die Textfetzen zu übersetzen, die ab und zu durch den Rumor brachen. Ich kannte noch nicht die berühmten Zeilen, "People try to put us down" und "I hope I die before I get old", wusste nichts davon, dass bei den Auftritten von The Who Instrumente und Verstärker kaputtgeschlagen wurden. Ich spürte nur: Was ich hörte, war irgendwie gut und wichtig, und im selben Augenblick merkte ich, wie etwas in meinem Gehör umsprang, als hätten Klänge so etwas wie eine Rückseite und als besäßen der Junge aus dem Hochhaus und ich dort, auf dieser Rückseite, doch einen Ort, wo wir uns treffen konnten. Wir trennten uns erst, als die Batterien ganz leer waren. Von diesem Nachmittag an hörte ich anders Musik, auch wenn ich dem Jungen nur noch selten begegnete. Wahrscheinlich hätten wir später nichts mehr miteinander anzufangen gewusst, von den Musikvorlieben gar nicht zu reden. Norbert Niemann

The Who: Live at Leeds (1970), Polydor/Universal, 1995: Live at Leeds, 25th Anniversary

Der Autor, geboren 1961, lebt in Chieming. Im August erscheint sein neuer Roman "Willkommen neue Träume"

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