Uwe Seibold würde am liebsten nicht mal telefonieren. Eigentlich gibt er keine Interviews; er schreibt auch keine Presseerklärungen, das würde seine Kundschaft schließlich nur verschrecken. Dabei hätte er Grund, sich zu beschweren. Er führt ein Unternehmen mit 256.000 Kunden, das von 2009 an schuldlos eine seiner Erfolgsgrundlagen verliert.

Seibold ist Vorstandsvorsitzender der Betriebskrankenkasse von Audi, die bisher mit einem Beitragssatz von 13,1 Prozent ausgesprochen günstig ist. Sie bietet Wellnesswochen für ihre Mitglieder an, rühmt sich ihrer ausführlichen Vorsorge-und Beratungsangebote. Ihre Chefs fühlen sich für den niedrigen Krankenstand bei Audi mitverantwortlich. Aber Anfang kommenden Jahres müssen Seibolds Versicherte im bayerischen Ingolstadt und Neckarsulm wohl auf einen Schlag bis zu 350 Euro mehr im Jahr zahlen – "ohne dass der Versicherte vor Ort irgendeinen Nutzen davon erkennt", sagt der Vorstandsvorsitzende.

Wegen Angela Merkels Gesundheitsreform soll dann für alle 71 Millionen Versicherten der gesetzlichen Krankenkassen ein einheitlicher Beitragssatz gelten, der Anfang Oktober endgültig festgelegt wird, aber deutlich über 15 Prozent liegen dürfte. Das nützt den teuren und schadet den preiswerten Versicherungen. Uwe Seibolds bitteres Fazit lautet: "Unsere Kunden zahlen eine Menge Geld für eine Reform, die außer ein paar Politikern in Berlin niemand will."

In München protestierten fast 20.000 Ärzte und Pflegekräfte

Fast hätte man sie schon vergessen: Die umstrittenste Reform der Großen Koalition tritt demnächst in Kraft – und droht für das Land und die Große Koalition zum Desaster zu werden. Von Anfang 2009 an werden 151 Milliarden Euro nach neuen Regeln verteilt (siehe Kasten links). Es ist eine der weitreichendsten Sozialreformen der Nachkriegszeit, die weit mehr Menschen betrifft als die Einführung von Mindestlöhnen oder die geplante Rentenerhöhung. Und es ist fast zu spät, sie noch zu stoppen: Der neue Gesundheitsfonds, die zentrale Geldsammelstelle für sämtliche Kassenbeiträge, hat in Berlin bereits mit 95 Mitarbeitern seine Arbeit aufgenommen. Seine Chefin Doris Pfeiffer ist seit Anfang Juli im Amt und gibt nun ihre ersten Interviews.

Doch offenbar scheint erst jetzt, in letzter Minute, vielen Politikern klar zu werden, was ihnen droht – zumal die Beschäftigten im Gesundheitswesen sie lautstark daran erinnern. Fast 20.000 Ärzte und Pflegekräfte versammelten sich Anfang Juni im Münchner Olympiastadion. Die Beschäftigten im bayerischen Gesundheitssystem gehören zu denen, die wegen der Reform weniger Geld bekommen. Der Chef des Hausärzteverbandes rief in seinen Veranstaltungen sogar dazu auf, bei der Landtagswahl Ende September nicht die CSU zu wählen.

Das gab es in Bayern noch nie. Folglich strich die CSU-Führung den Start der Gesundheitsreform kürzlich aus einer gemeinsamen Erklärung mit der CDU. Auch auf dem Parteitag am Wochenende will die Partei die Gesundheitsreform nicht debattieren. "Wenn man im Bierzelt zwanzig Minuten über Gesundheitspolitik redet, wird es plötzlich mucksmäuschenstill im Saal", berichtet Peter Ramsauer, Chef der CSU-Landesgruppe im Bundestag. Gefährlich still.