Drei Menschen drohen zu ertrinken. Stellen Sie sich vor, Sie könnten nur einem helfen – aber wem? Wer wüsste schon die Antwort auf eine solche Frage? Einer weiß sie: Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble.

Schäuble hat angekündigt, Deutschland wolle irakischen Flüchtlingen mehr helfen. Doch seine Nächstenliebe hat Grenzen. "Wir werden selbst aussuchen, wer zu uns kommen soll." Das klingt, als ginge es um Einwanderer, nicht um Menschen in Not. "Dabei werden wir uns vor allem religiös verfolgter Minderheiten annehmen." Soll heißen: Christen.

Wer in seinem Land wegen "Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen seiner politischen Überzeugung" verfolgt wird, verdient Schutz, das schreibt die Genfer Flüchtlingskonvention vor. Sie unterscheidet nicht nach dem Glaubensbekenntnis. Wolfgang Schäuble schon. Er macht sich zum Anwalt der Christen und handelt damit – unchristlich.

Es spricht vieles dafür, Christen im Irak zu helfen. Sie werden verfolgt oder als Geiseln genommen – weil sie ihren Glauben ausüben oder weil viele von ihnen vermögend und damit erpressbar sind. Im März wurde ein katholischer Erzbischof im Nordirak entführt. Seine Begleiter wurden erschossen, er selbst starb in der Geiselhaft. Etwa die Hälfte der Christen hat seit dem Sturz von Saddam Hussein das Land verlassen. Sie brauchen Schutz, und es ist gut, dass Deutschland sich für sie einsetzt. Aber spricht deshalb etwas dagegen, anderen Verfolgten zu helfen?

Im Irak spielt sich eine Tragödie ab, die keine Religion hat. Es leiden Schiiten wie Sunniten, es sterben Kurden, Turkmenen, Assyrer, Jesiden. Das Elend hat Zahlen: Fast täglich explodieren Bomben, fast täglich sterben Iraker bei Selbstmordattentaten. Nach unterschiedlichen Schätzungen hat der Krieg zwischen 150000 (Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health) und einer Million (das britische Institut Opinion Research Business, ORB) Iraker das Leben gekostet, jeder fünfte Haushalt hat laut ORB mindestens einen Toten zu beklagen. Jeden Monat flüchten 50000 Iraker aus dem Land, mehr als 4,5 Millionen sind seit dem Einmarsch der Amerikaner auf der Flucht. Davon sind etwa ein Neuntel Christen.

Ja, humanitäre Hilfe hat Grenzen. Nicht jeder, der sie braucht, kann sie bekommen. Bislang aber galt die Schutzbedürftigkeit als Maßstab dafür, wem geholfen wird. Nun gilt die Religion.

Wer den einen Hilfe leisten will, den anderen aber nicht, maßt sich an, zu bestimmen, wessen Leben wertvoller ist. Not macht die Menschen gleich, Schäuble aber missbraucht die Religion, um Unterschiede zu machen. "Für muslimische Flüchtlinge", sagt Schäuble, "ist stärker das Engagement islamisch geprägter Länder gefragt." Die Überlegung dahinter: Christen passen in den Okzident, Muslime in den Orient. Was nach Logik klingt, ist nichts anderes als ideologische Trennung.