!!! So muss ein Text über Lovis Corinth beginnen, denn seine Kunst ist Kraft! Inbrunst! Nacktes Fleisch! Nur zu gern gab er den Pinselprotz und Farbberserker, das ewig trunkene Malgenie. Wenn Corinth vor die Leinwand trat, dann »brach es aus ihm wie ein Vulkan«, erzählt sein Sohn. »Er hieb die Farben auf die Leinwand, stöhnte, ächzte dabei, fluchte und wetterte.« Ein Getriebener, ein Urviech der Kunst, so sollte er eingehen in die Geschichte.

Und dann steht man in Leipzig vor den Bildern, in einer Ausstellung, die Corinths 150. Geburtstag feiert, und erblickt das Urviech wirklich, oder genauer: einen Stier, auf grüner Sommerwiese, stolz und bebend vor Kraft. Neben ihm eine Dame im bunt betupften Kleid, fein lächelt sie unter ihrem Hut hervor, in der Hand ein rosa Seidenband, das irgendwer dem Stier durch den Nasenring gezogen hat. Und der Stier? Stiert nicht, schnaubt nicht, senkt nur artig den Kopf und schaut ganz lieb.

Die Frau heißt Charlotte, so sagt es der Bildtitel, sie ist Corinths Ehefrau; und unverkennbar ist er es selbst, den sie am Bandel hält, er, das Urviech, der sein eigenes Urviech-Klischee verspottet.

So kann man Corinth in Leipzig auf vielen Bildern entdecken: als einen Meister der Imponierkunst, saftig in den Farben und Sujets. Und als einen Meister der Selbstveralberung. Corinth, ein Vulkan, der auch Konfetti speien kann.

Doch geht das? Wenn einer seinen eigenen Furor ironisiert, wird dann nicht das ganze Werk zur Posse, weil sich die Bilder gegenseitig verraten? Eben standen wir vor dem Stier am Seidenband, schon sehen wir den nächsten, einen blutigen diesmal, ausgeweidet am Haken des Schlachters, die Beine nur noch Stumpen, der Leib schwarzrot und giftig-türkis, der Pinsel rührt unbarmherzig darauf herum, scheint das tote Tier abermals zu töten, es in Farbbrei zu verwandeln. Öfters ist Corinth, der Gerbersohn, zum Malen in die Schlachthäuser gezogen, häufig zeigt er das Verfallen und Sterben, den Tod.

Mal blutig-rau, dann wieder heiter-harmlos, so ist seine Bilderwelt. Und doch fällt sie nicht auseinander, im Gegenteil: Ernst und Unernst brauchen einander. Denn wie leicht würde das Theatralische umkippen in Schwulst, wäre nicht Corinths Begabung im Beschwipsten. Und umgekehrt, wie belanglos komödiantisch wirkten manche Bilder, hätten sie nicht ein Widerlager im Dramatischen.

Nur wenigen Künstlern seiner Generation gelingt diese Balance. Viele meinen, sie müssten sich entscheiden, die einen malen duftig-impressionistische Landschaften, die anderen ätherischen Mystizismus. Corinth aber bleibt vielgesichtig, auf den Festochsen ebenso neugierig wie aufs Schlachtvieh. Wohl deshalb haben sich viele schwer getan mit seiner Kunst, sie war nicht eindeutig genug. Erst in den letzten Jahren wird er häufiger gewürdigt, auch die Leipziger Ausstellung, die zunächst in Paris gezeigt wurde, zeugt von dieser neuen Zuneigung. Wie es scheint, vermag man Corinth heute eher zu schätzen, die Gier, mit der er sich die unterschiedlichsten Themen und Stile einverleibt, Rembrandt ebenso wie Frans Hals oder Goya.