Kleine Kinder lernen es unter Schmerzen. Große können es am besten, wenn sie nicht drüber nachdenken. Erst im Alter stellt man – oft wieder unter Schmerzen – fest, wie komplex es ist: das Gehen. Aus der Stützphase heraus, während der Stützfuß abrollt und dabei eine Rückstoßkraft erzeugt, pendelt ein Bein nach vorn. Eine halbe Sekunde dauert das schwebende Pendeln, bis der Pendelfuß mit der Ferse aufsetzt und seinerseits zum Stützfuß wird. Nur 0,1 Sekunden lang befinden sich beide Füße in der Stützphase, dann hebt der vormalige Stützfuß zum Pendeln ab. Das folgenschwere Resultat: 84 Prozent seiner Zeit ist der gehende Mensch ein Einbeiner.

"Der menschliche Gang ist einer der unsichersten Fortbewegungsvorgänge, die es unter Lebewesen in der Natur gibt", sagt die BAuA, die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin. Das Gehen ist auf Schritt und Tritt vom Scheitern bedroht. Das Risiko lässt sich nüchtern beziffern: 5,36 Millionen Unfälle mit ärztlicher Versorgung gab es im Jahr 2000 im Heim- und Freizeitbereich; 23,8 Prozent davon gehörten in die Kategorie "Sturz in der Ebene" – das entspricht knapp 1,3 Millionen Stürzen. Auch bei bis zu einem Viertel aller Weg- und Arbeitsunfälle spielte misslungenes Gehen die wichtigste Rolle.

Beschwingte Geher kommen dem Boden nicht näher als 3,44 Zentimeter

Gut untersucht und mit Richtlinien ausgestattet ist bisher nur die Subkategorie Ausrutschen. Stolpern, Umknicken und Fehltreten dagegen sind wenig erforscht, obwohl sie rund die Hälfte aller Sturzunfälle ausmachen. Die Fachleute der BAuA haben diese vernachlässigten Sturzphänomene studiert und soeben einen Bericht vorgelegt. Resümee: Schon kleine Knubbel im Fußboden können zum Desaster führen. Manche stolpern auch in eine Maschine oder von einem Gerüst. Doch zu den Unfallfaktoren gehören ebenso das Schuhwerk, die Beleuchtung und die individuellen Voraussetzungen des Gehers.

Die Physik des Gehens lässt sich als Wanderung des Körperschwerpunkts des Gehenden beschreiben. Liegt der im Ruhezustand etwa an der Innenfläche des zweiten Wirbels der Wirbelsäule, verschiebt er sich beim Gehen nach vorn ins vorschwingende Bein. Wird die Fußspitze oder auch der Absatz plötzlich durch ein Hindernis, etwa ein Kabel oder eine Welle im Teppich, blockiert, wandert der Schwerpunkt rasch über den vorderen Stützfuß hinaus. Wenn dann die Stolperbewegung nicht sofort durch einen Ausgleichsschritt oder eine Ausgleichsbewegung mit den Händen oder dem Rumpf abgefangen wird, fällt der Mensch.

Stolpern, die "plötzliche Blockierung der Fußbewegung in Gangrichtung", wird meist durch Erhöhungen oder Vertiefungen im Fußboden und durch Fußangeln ausgelöst. Eine besonders gemeine Fußangel ist die Unterschneidung von Treppenstufen, wobei die obere die untere Stufe überlappt. Treppen sind ohnehin die häufigsten Fehltrittursachen – wenn Stufen unterschiedlich hoch oder unzureichend groß sind. Die übelsten Umknickunfälle wiederum findet man unter Truckern, die gern aus dem Fahrerhaus springen. Aus einem Meter Höhe landen sie mit dem Vielfachen ihres Gewichts auf den Füßen. Eine Unebenheit, ein Stein – und schon ist das Außenband im oberen Sprunggelenk überdehnt oder gerissen.

Die Arbeitsmediziner der BAuA haben Menschen beim Gehen mit Hochgeschwindigkeitskameras beobachtet. Sie fanden den Typus des beschwingten Gehers, dessen Schuhe beim Durchschwingen dem Boden nie näher als 3,44 Zentimeter kommen. Und des Schlurfers, der gerade einen halben Zentimeter Luft lässt und entsprechend stolpergefährdet ist. Ihm könnten Schuhe mit ausgeprägter "Spitzensprengung" helfen, also mit einer Krümmung in der Schuhspitze, die ein wenig Bodenfreiheit herstellt. Gegen das Umknicken nützen Schuhe mit hohem Schaft und torsionsfähiger Sohle. An unebene Untergründe passen sich am besten Treter mit durchtrittsicheren Zwischensohlen aus Kunststoff oder Keramikfasern an, viel besser als die üblichen Sicherheitsschuhe mit Stahlsohle.