Vom Hauptbahnhof Dresden fährt die S-Bahn gerade mal zwanzig Minuten bis Tharandt. Das Häusergrau der Stadt, Industriegürtel, Schrebergartenkolonien ziehen am Fenster vorbei; unten mäandert die Wilde Weißeritz. Hinter dem Stahlwerk von Freital verengt sich das Tal. Die Hänge sind jetzt dicht bewaldet. Dann hält der Zug: »Forststadt Tharandt«. Der Ort in den Ausläufern des Erzgebirges zählt etwa 6000 Einwohner, davon sind rund 800 Studenten. Hier hat die Fakultät für Forst-, Geo- und Hydrowissenschaft, Fachrichtung Forstwissenschaften, der Technischen Universität Dresden ihren Sitz. Unter ihrem alten Namen »Königlich Sächsische Forstakademie zu Tharandt« wurde sie weltberühmt.

Aufgereiht im Talgrund der Weißeritz stehen die Gebäude der Fakultät aus allen Epochen: Heutige Glas- und Holzarchitektur neben Betongehäusen der DDR-Zeit und stuckverzierten Kästen aus dem 19.Jahrhundert. Ein steiler Pfad steigt an der Burgruine vorbei zum Eingang des Forstbotanischen Gartens. Auf dessen Terrain kann der Besucher etwa 2300 Gehölzarten aus aller Welt kennenlernen. Vom Mammutbaum und der Sumpfzypresse, die in geologischen Zeiträumen die unterirdischen Wälder der fossilen Lagerstätten gebildet haben, bis hin zu Exoten wie der Japanischen Sicheltanne und der Dahurischen Lärche. Einige dieser Baumpersönlichkeiten sind an die 200 Jahre alt.

Das Arboretum anzulegen war eine der ersten Maßnahmen nach dem Beginn des Lehrbetriebs im Jahre 1811. Der Gründer der Akademie wollte die Theorie mit Anschauung verbinden und den Studenten die »tausend wirkenden Kräfte der Natur« vor Augen führen. Sein Name: Heinrich Cotta. Gleich hier, oberhalb des Gartens, im Schatten eines für ihn gepflanzten Eichenhains, liegt sein Grab.

Zur Welt kam Heinrich Cotta – mit dem berühmten schwäbischen Brüderpaar nicht verwandt – 1763 in Zillbach in der Rhön; dort auch begann er seine Laufbahn als »Jägerpursche«. In Jena studierte er zwei Semester Mathematik, anschließend arbeitete er als Landvermesser und trat 1789 in das Weimarer Forst-Departement ein. Sein oberster Dienstherr war Goethes Herzog Carl August.

Dessen Mutter Anna Amalia ist die weltweit erste Forstreform zu verdanken, der ausdrücklich der Begriff »nachhaltig« zugrunde liegt; der Freiberger Berghauptmann Hans Carl von Carlowitz hatte ihn 1713 geprägt. Die weimarische Forst-Ordnung von 1775 regelte die »Conservation« der Wälder und die »Steurung des HoltzMangels«, um für »die Nachkommenschaft […] die gehörige Sorge zu tragen«. Der »Abtrieb« des Holzes dürfe nicht mehr »nur nach Gut-Dünken oder Holtz-Bedürfnis« der gegenwärtigen Generation geschehen, sondern müsse die Ansprüche der »Posterität« berücksichtigen.

In Weimar bahnte sich ein neues Denken an, das die Essenz der Nachhaltigkeitsidee im 21. Jahrhundert vorwegnahm: Nicht die – in heutigen Begriffen – »Nachfrage«, nicht »der Markt« sollte der Maßstab der Ökonomie sein, geschweige denn die Luxusansprüche der Eliten, sondern die »wahren Kräfte der Forste«, die Tragfähigkeit der Ökosysteme. Es gelte, so formulierte 1790 auch Cotta sein Credo, »der Natur zu folgen, die sich kein Gesetz vorschreiben läßt, aber uns erlaubt, ihr nachzugehen und ihre eigenen auszuspähen«.

In seinem 1806 erschienenen Buch über die Bewegung und Funktion des Saftes in den Gewächsen richtete Cotta die Aufmerksamkeit auf das Wachstum des Holzes. Welche Kräfte wirken dabei zusammen? Wie lässt es sich fördern? Basis waren eigene Forschungen in seiner Baumplantage im heimischen Zillbach und in den Wäldern seines Reviers. Die Inspiration kam von dem französischen Botaniker Henri Louis Duhamel du Monceau (1700 bis 1781). Die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse freilich sollten eine neue Lehre vom Waldbau begründen. Mit dem Ziel, dass der »höchste Ertrag aufgefunden werde, welcher bei der für diesen Wald zu entwerfenden Behandlung nachhaltig von demselben erwartet werden kann«.