Gegen diese neue Interpretation und die damit verbundene Entwertung des Nachhaltigkeitsbegriffs erhob sich wütender Widerstand in der Fakultät und in der ganzen Zunft. "Nach dieser Definition gibt es eine unnachhaltige Waldwirtschaft überhaupt nicht", schrieb der preußische Oberforstmeister Bernard Borggreve 1888. "Damit läßt sich offenbar jede, auch die ausgeprägteste Raubwirtschaft euphemistisch als eine nachhaltige bezeichnen und verteidigen." Einen solchen Systemwechsel unter dem Mantel desselben Begriffs lehnte die große Mehrheit der deutschen Forstleute entschieden ab. Wollen wir etwa, so lautete ein geflügeltes Wort der Epoche, die Definition der Nachhaltigkeit den Kreditinstituten überlassen?

Aber die Idee selbst, die Natur mit den Mitteln der Geometrie und Zinsrechnung in den Griff nehmen zu können, erwies sich als Illusion. Monokulturen sind auf Dauer nicht stabil. Verheerende Kalamitäten in den neuen Wäldern ließen nicht lange auf sich warten. In den 1850er Jahren fraß die Nonne, eine Schmetterlingsart, die riesigen Nadelholzbestände Ostpreußens kahl. In der Folge rückte die Schädlingsbekämpfung ins Zentrum der Aufmerksamkeit.

Zum düsteren Vorkämpfer wurde der Ameisenexperte Karl Escherich. Hatte Roßmäßler 1834 noch gelassen von den "Insekten, welche den bei uns angebauten Holzarten am meisten schädlich werden", geschrieben, so sah der Zoologe in seiner Tharandter Antrittsvorlesung 1907 den deutschen Wald durch eine abnorme Vermehrung von Schädlingen bedroht. Sein Denken fixierte sich auf die Massenvernichtung des Ungeziefers unter Einsatz aller biologischen, toxikologischen und technischen Tötungsverfahren. So drang der darwinistische Kampf ums Dasein in die Sprache der Forstwissenschaft ein. Escherichs "Waldhygiene" birgt fatale Anklänge an das "rassenhygienische" Wahnsystem der Nazis. Seit 1914 Professor in München, wurde er denn auch bereits 1921 Mitglied der NSDAP; zwei Jahre später nahm er am Hitlerputsch teil.

Zu dem eingeschlagenen Kurs der rationellen Forstwissenschaft, so schien es freilich, gab es keine Alternative. Oder doch? Um 1900 diskutierten die deutschen Forstleute leidenschaftlich über einen Weg zurück zur Natur. Die moderne, lebensreformerisch inspirierte Dauerwald-Idee, die den Wald als einen lebendigen Organismus, also als Ökosystem auffasste, gewann auch in Tharandt an Boden. Sie konnte sich auf große Traditionen berufen.

So hatte schon Johann Gottfried Herder 1784 von Weimar aus in seinen Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit vor übermäßigen Eingriffen gewarnt: "Unser Erdball ist eine große Werkstätte zur Organisation sehr verschiedenartiger Wesen. […] Selten hat man eine Gewächs- oder Tierart dieses und jenes Erdstrichs ausgerottet, ohne nicht bald die offenbarsten Nachteile für die Bewohnbarkeit des Ganzen zu erfahren." Während die Weimarer Regierung unter Carl August die Einrichtung der Forste bis in das 21. Jahrhundert hinein vorausplante, philosophierte man zur selben Zeit am Weimarer Musenhof, frei nach Linné, über die oeconomia naturae, die Haushaltung der Natur. In Salons und Parks, in freier Natur huldigte man deren Weisheit und Schönheit. Man feierte die Fülle des Lebens – die Idee der Biodiversität.

1799 brach Alexander von Humboldt zu seiner großen Expedition nach Südamerika auf. Mit Heinrich Cotta war er gut bekannt. Seine mehrjährige Reise führte Humboldt in den Regenwald, in die Herzkammer der Artenvielfalt auf unserem Planeten. Für Humboldt bildet die Natur "ein netzartig verschlungenes Gewebe" und "durch innere Kräfte bewegtes und belebtes Ganzes". Alle irdischen Wesen, angefangen bei den Elementen, der anorganischen Natur, über die Pflanzen und Tiere bis hin zum Menschen, sagt Humboldt, gehörten zu den "Kindern der Gäa". Von Linnés klassifizierender Beschreibung der Arten geht er zur Erforschung der Beziehungen zwischen Flora und Fauna, ihren Standort-, Klima- und Umweltbedingungen über.

Da war es nur noch ein kleiner Schritt zur Ausbildung eines neuen Wissenschaftszweiges. Diesen Schritt vollzog der Jenaer Biologe, der Darwinist, Goethe- und Humboldt-Verehrer Ernst Haeckel im Jahre 1866, sieben Jahre nach Humboldts Tod. Um den alten Topos vom Haushalt der Natur abzulösen, verknüpfte er die beiden griechischen Wörter oikos und logos zum neuen Begriff "Oecologie": "Unter Oecologie verstehen wir die gesammte Wissenschaft von den Beziehungen des Organismus zur umgebenden Aussenwelt, wohin wir im weiteren Sinne alle Existenz-Bedingungen rechnen können."