Hundert Jahre lang blieben Ökologie und Nachhaltigkeit in den Elfenbeintürmen ihrer Wissenschaftsdisziplinen eingeschlossen. Die Befreiung, Erweiterung und Verschmelzung beider Ideen ist eine Errungenschaft unserer Zeit. Der "Erdgipfel" von Rio brachte 1992 das Konzept der sustainable development auf die Tagesordnung der Weltpolitik. Komplementär zur Nachhaltigkeitsstrategie der Agenda 21 verabschiedete er eine Konvention zum Schutz der Biodiversität. Heute freilich, 16 Jahre danach, sind Ökosysteme und Artenvielfalt – und der soziale Zusammenhalt – weltweit stärker bedroht denn je. Die Plünderung des Planeten geht im Zeichen der Globalisierung ungebrochen weiter.

Nachhaltigkeit ist die Grundidee für einen neuen zivilisatorischen Entwurf

Der Übergang zu einer nachhaltigen Entwicklung bleibt ein tiefer Eingriff in das Wesen der Industriegesellschaft. Weiter so, nur mit nachwachsenden Rohstoffen und erneuerbaren Energien – das wird nicht funktionieren. Wenn eine Ölquelle versiegte, bohrte man tiefer oder erschloss nebenan ein neues Ölfeld. Mit dieser Logik des zu Ende gehenden fossilen Zeitalters kommt man nicht mehr durch. Wer "die tausend wirkenden Kräfte der Natur" und ihre Zeitzyklen nicht beachtet, wird scheitern. Unter dem Signum des Klimaschutzes entstehen heute auf den Holzplantagen Südasiens und Lateinamerikas riesige neue Monokulturen. Die Global Players der Energiekonzerne setzen die Bodenreinertragslehre radikal um. Eine weitere Sackgasse tut sich auf.

Die Grundidee der Nachhaltigkeit aber wirkt im 21. Jahrhundert fort. Sie ist – das wäre eine Lektion aus Tharandts fast zweihundertjähriger Geschichte – eben keine bloße Anleitung für ein effizientes Ressourcenmanagement. Sie formuliert vielmehr das ethische Prinzip, dass die Bedürfnisse der nachfolgenden Generationen schon heute zu beachten sind. Sie handelt von unserer höchsten Verantwortung, nämlich der Pflicht, das Leben selbst und dessen natürliche Grundlagen zu bewahren, um den Planeten auf Dauer bewohnbar zu erhalten. Sie ist – in den Worten des kürzlich verstorbenen Südtiroler Soziologen, Künstlers und Bergsteigers Hans Glauber – "ein neuer zivilisatorischer Entwurf". Dessen Maxime aber lautet: "Langsamer, weniger, besser, schöner."

Ulrich Grober ist Publizist und lebt in Marl. Sein Buch "Die Erfindung der Nachhaltigkeit – Kulturgeschichte eines sperrigen Begriffs" erscheint im Winter im Verlag Zweitausendeins