Natürlich haben wir alle noch jenen 29. November 2010 in Erinnerung, als 53 Prozent der Österreicher in einer Volksabstimmung für den Austritt aus der EU gestimmt haben und Deine Zeitung am Tag danach mit der unvergesslichen Schlagzeile ÖSTERREICH IST FREI! erschien, so wie ich es vom Balkon des Belvedere verkündet hatte. Die ganze Nacht ist damals auf dem Stephansplatz gefeiert worden. Lichterloh brannten in der ersten, ein wenig übertrieben emotionalen Aufwallung die EU-Fahnen. Erinnerst Du Dich noch? Was war das für ein unbeschreibliches Volksfest! Ich habe mich diesem Jubel ja auch in dem Augenblick angeschlossen, in dem ich sicher sein konnte, wie die Abstimmung ausgeht.

Damals wussten wir ja leider noch nicht, dass die offiziellen Verhandlungen über den Austritt aus der EU, die ich dann ab Ostern 2011 wochenlang im Hotel Intercontinental Resort Berchtesgaden am Obersalzberg mit der EU-Präsidenten Angela Merkel geführt habe, so enden würden, wie sie geendet sind.

Es war ja wirklich nicht anzunehmen, dass man uns mitteilt, wir würden bei einem Austritt auch alle Vorteile der Mitgliedschaft verlieren und ein ganz normales Nicht-EU-Land wie Panama oder die Mongolei werden. So was Hinterfotziges!

Natürlich hätten wir auch eine Art Schweizer Lösung ausverhandeln und womöglich sogar den Euro und die Schengen-Mitgliedschaft beibehalten können. Dazu hätten wir aber über ganz viele Abkommen das EU-Recht nachvollziehen müssen – aber halt natürlich ohne Sitz und Stimme in Brüssel. Na, da hättet ihr uns vielleicht geprügelt, wenn der Vizekanzler Strache und ich so etwas unterschrieben hätten. "Speichellecker der Brüsseler Bonzokratie" hättet ihr uns genannt. Da mach ich mir nichts vor. In Wahrheit ist uns nach der Volksabstimmung keine andere Wahl geblieben, als ohne Wenn und Aber auszutreten. Oder hätte ich vielleicht riskieren sollen, dass es mir geht wie der Plassnik und ich wegen Hochverrats zu 15 Jahren unbedingt verurteilt werde? Frag übrigens den Herrn Schwiegervater bei Gelegenheit, ob er was gegen eine Amnestie durch den Bundespräsidenten Haider hätte. Die Präsidentschaftskanzlei in Klagenfurt signalisiert mir großzügige Zustimmung.

Dass die Merkel damals in Berchtesgaden keine Kompromisse machen wollte, versteh ich ja irgendwie. Du erinnerst Dich, damals hatte gerade Flandern seine Unabhängigkeit von Belgien erklärt, worauf das Rest-Belgien den Beitritt Flanderns zur EU blockierte; die Tschechen haben ebenfalls über einen EU-Austritt abgestimmt, waren aber dann doch dagegen – nicht bled, die Behm’. Vor allem aber kündigte damals der neue deutsche Volksfront-Kanzler Oskar Lafontaine in Bild an, auch die Deutschen würden über das Verlassen der kalten, menschenverachtenden, neoliberalen EU abstimmen dürfen – also mit einem Wort, die EU drohte löchrig zu werden wie ein Schweizer Käse.

Und da hat die Merkel als Kommissionspräsidentin halt an uns ein Exempel statuieren wollen, damit sich andere das mit dem Austritt überlegen. "Raus ist raus", hat sie mich und den armen Strache angeblafft. Wo sich der Strache doch so gefreut hat über die Tage auf dem Obersalzberg mit seinem unvergleichlichen historischen Flair.

Wieder einmal hat uns die Geschichte also zum ersten Opfer gemacht.