Braucht die Welt eine weibliche Literaturgeschichte? Nein, wenn dieser Kanon von der Annahme ausgeht, künstlerischer Rang und Geschlecht seien kausal verknüpfbar. Ja, wenn er glaubt, Frauenliteratur entstehe unter anderen sozialgeschichtlichen Bedingungen (Natalia Ginzburg war berüchtigt dafür, beim Abendessen vor Müdigkeit mit dem Kopf in den Pastateller zu fallen, da ihr Romanwerk morgens zwischen vier und sieben Uhr entstand), und diese Bedingungen als Element des Ästhetischen berücksichtigt.

Ein Kanon ist Ulrike Draesners Aufsatzsammlung über eine Handvoll Schriftstellerinnen nicht. Sie schreibt über acht ihrer Lieblingskolleginnen, über Annette von Droste-Hülshoff, Virginia Woolf, Gertrude Stein, Marcelle Sauvageots, Ingeborg Bachmann, Friederike Mayröcker, Michèle Métail, Antonia S. Byatt und: über Gustave Flaubert. Schon das beweist, was diese Porträts so intelligent und so sympathisch macht, ihre intellektuelle Freiheit, ihre Beweglichkeit und die in jeder Zeile spürbar persönliche Lesart der Essayistin.

Ulrike Draesner ist der Glücksfall einer rundum Interessierten. Sie folgt den Sprachexpeditionen Gertrude Steins mit wissenschaftlichem Rüstzeug und behält zugleich die für Mrs. Stein so wichtige Existenz ihres kleinen weißen Pudels im Auge. "Der Pudel starb vor ihr, und für sich sagte sie voraus, dass sie mit 72 die Welt verlassen werde." Sie erinnert sich an Begegnungen mit Antonia S. Byatt und an ihre merkwürdige Angewohnheit, immerzu ein Tesaband in einer Hand zu halten, zwanghaft daran herumzuknibbeln und mit den Fingernägeln Tesafitzelchen abzuraspeln. "Sie hat den Mut, mitsamt der Tesarolle auf die Bühne zu gehen… Wo Byatt für eine Weile saß, liegt am Ende ein kleiner Haufen Plastik am Boden." Das ist mehr als ein Spleen. Nur betreibt Ulrike Draesner keine simple Neurosenanalyse, die bewiese, was man schon weiß, dass Leute, die ihre Zeit mit Bücherschreiben verbringen, per se leicht durchgeknallt sind. Sie betrachtet das Tesarollenschauspiel als Phänomenologin und entdeckt am Privatspleen, was sie auch in den Romanen Byatts entdeckt: die Arbeit an einer Narbe.

Gleichsam nebenbei sind diese Essays auch eine Schule im Umgang mit Biografismus. Bei Ulrike Draesner ist dieser Umgang nie detektivisch, sie stellt biografische Fakten nie als Trophäen der allgemeinen Neugier aus. Sie führt sie als die Begleitmusik eines literarischen Werks ein, beides in gegenseitiger Durchdringung. Dass Virginia Woolf späte Beethoven-Sonaten hörte, dürfte für den Ton und den Rhythmus ihrer Prosa nicht gleichgültig sein. Das Mayröckersche Werk wiederum ist ohne die legendäre Behausung der Wienerin, ohne ihr vor Büchern, Papieren, Manuskripten überquellendes Zimmer gar nicht denkbar. Assoziiertes und dabei streng strukturiertes Chaos, das ist der Charakterzug ihrer bewohnten und ihrer erschriebenen Räume. Auch Friederike Mayröcker macht sich vor Tagesanbruch an die Arbeit und beginnt zu schreiben, wenn der Rest der Welt noch schläft. Andere wie Sylvia Plath setzten sich an den Schreibtisch, wenn der Rest der Welt schon im Bett und der Haushalt gemacht war. Das sind Aspekte einer Sozialgeschichte der Literatur, die noch nicht geschrieben wurde.

Ulrike Draesner: Schöne Frauen lesen

Sammlung Luchterhand, Luchterhand Literaturverlag, München 2007; 217 S., 8,– €