Was Jonathan Meese will, hat er oft und immer wieder gesagt: Er will die Diktatur der Kunst. Warum aber wollen wir Jonathan Meese? Weil niemand sonst so schön schmieren und matschen kann? Weil kein anderer Künstler so elegant zerzauselt aussieht und so entschlossen das wilde, ganz allein sich selbst gehorchende Genie verkörpert?

Seit gut zehn Jahren ist Meese im Geschäft, und wenn es nach ihm ginge, würde er noch den letzten Winkel dieser Welt mit seinen Bildern und Skulpturen beglücken. Schon das macht ihn zum Star: Sein unerbittlicher Wille zur Geltung. Andere wären bei seinem Tempo längst ausgeglüht, Meese aber drückt unermüdlich Farbwürstchen auf Leinwände, massiert Tonköpfe, schwitzt, schreit, pinselt. Er ist, wenn es das gibt, ein protestantischer Ekstatiker. Redlich ausgerastet, fleißig wild, sittsam ungesittet.

Natürlich gehört es sich für eine protestantische Seele, kein Star sein zu wollen. Bitte, ich bin nicht eitel, plinkert uns Meese zu, nur die Werke zählen, sie allein! Doch sieht man sich die Werke an, ist da überall der Künstler, sein Zauselschopf neben den Schöpfen von Nero, von Wagner, von Hitler. Er ist halt ein ganz Verwegener, er schreckt nicht zurück vor dem Bösen, dem Blutigen, Perversen. Und was könnte fotogener sein? Die bunten Magazine sehnen sich nach einem wie ihm, nach einer großen Ich-Show. Keine Konzepte, keine Theorien, alles scheint authentisch gefühlt. Ein Unikum, das pinselt, predigt, Manifeste schreibt, so dunkel, so mulmend, dass wir uns fürchten müssten.

Wäre er nicht so fürchterlich lieb, eine Seele von Wüterich. Immer heißt es, Mama hier, Mama da, und nicht selten kommt sie aus Ahrensburg angereist, um ihrem Johnny zuzusehen, wie er mit viel Pimmel und noch mehr Hitlergruß gutes Geld verdient.

Vielleicht ist es das, was ihn zum Star macht: Dieser Künstler hat eine Mutter, wie wir alle eine Mutter haben. Er lässt alles raus, nimmt alles mit, ein rauschebärtiger Anarcho. Und doch ist er einer von uns. Fremd und vertraut, sehr fern und ganz nah, ein Umstürzler, den man gern trösten möchte in all seiner Wildheit. Ist gut Johnny, flüstern wir ihm zu, komm her, ich versteh schon. Hanno Rauterberg

Foto [M]: Franziska Krug/action press