Bei der Oscar-Zeremonie ist es der Moment der größten Rührung: Der oder die Geehrte tritt ergriffen auf die Bühne, umschließt mit bebenden Händen das Mikrofon und beginnt – gerne unter Tränen – erst einmal zu danken. Und zwar möglichst vielen. Früher waren es nur Regisseure und Studiobosse, denen gedankt wurde. Dann kamen Partner, Kinder und Eltern hinzu. Als Nächstes dürften Diätberater, Kinderadoptionsagenten und Hundepsychotherapeuten auf der Dankesliste auftauchen. Denn je länger die Dankesrede, umso länger steht man im Scheinwerferlicht und umso bedeutungsvoller erscheint das eigene Tun.

Nicht nur in Hollywood ist eine inflationäre Ausbreitung der Dankeskultur zu beobachten. Auch in wissenschaftlichen Publikationen – besonders in geisteswissenschaftlichen Büchern – ist der Expansionsdrang der Danksagung unaufhaltsam. Höchste Zeit, diese Dankesflut einmal selbst zum Gegenstand einer wissenschaftlichen Betrachtung zu machen. Wem wird da eigentlich gedankt – und welche versteckten Ziele werden dabei verfolgt?

Noch steht die Dankesforschung am Anfang. Soziologen sind sich lediglich darin einig: Danksagungen verweisen darauf, dass Bücher nicht in Isolation entstehen, sondern in vielfältigen Kontakten. Über die weitergehende Interpretation gibt es unterschiedliche Theorien. Der Anthropologe Eyal Ben-Ari von der Hebrew University of Jerusalem etwa ist der Meinung, Danksagungen seien in erster Linie Indikatoren von Tauschbeziehungen: Sie dienten dazu, materielle, ideelle, symbolische oder emotionale Waren auszutauschen. Ihm zufolge fungiert der in der Danksagung festgeschriebene Dank selbst als Währung, mit der für eine erhaltene Leistung bezahlt wird.

Nehmen wir an, eine Kollegin liest ein Kapitel meines Buches Korrektur, und ich danke ihr daraufhin in der Danksagung. Je größer am Ende der Wert meines Buches ist – wobei "Wert" nach dem Prestige des Verlages und dem Erfolg des Buches gemessen wird –, desto höher fällt der Wert meiner Dankesvergütung aus, desto mehr also hat es sich für die Kollegin gelohnt, ihre knappe Ressource Zeit in die Korrektur meines Kapitels zu investieren. Eine solche Deutungslinie degradiert alle im Tausch getätigten schriftlichen oder mündlichen Äußerungen ("Na klar, jederzeit lese ich dein Kapitel. Du weißt doch, dass ich so was gern mache") zu bloßer Camouflage, hinter der sich handfeste Interessen verbergen.

Andere Forscher – wie die Informationstheoretikerin Katherine McCain von der Drexel University in Philadelphia – sind der Überzeugung, Danksagungen hätten eine stark performative und machtpolitische Qualität. Sie dienten dazu, die eigene Machtposition auszubauen, indem der Dankende anerkannten Autoritäten huldigt und die Nähe zu jenen Wissenschaftlern erzeugt, die mächtiger als er selbst sind. Zur machtpolitischen Qualität der Danksagung gehört auch die – vor allem in den USA – verbreitete Praxis, sich Gegner als Rezensenten vom Leib zu halten: Indem ich meinem ärgsten wissenschaftlichen Feind, mit dem ich seit Jahren kein Wort wechsle, meinen Dank in den barockesten Formen ausspreche, verhindere ich ihn als Rezensenten, da Dankesadressaten bei amerikanischen Fachzeitschriften als befangen gelten.

Historisch betrachtet, liegen die Anfänge der Danksagung im Dunkeln. Denn anders als die Geschichte der Fußnote (die der Historiker Anthony Grafton in seinem Buch Die tragischen Ursprünge der deutschen Fussnote erzählt), ist die Geschichte der Danksagung noch nicht geschrieben. Wann, wie und warum der Drang zum wissenschaftlichen Danken entstand, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Zu konstatieren ist jedoch mittlerweile der globale Siegeszug der Danksagung. Für die Naturwissenschaften ist ihre Ausbreitung und Ausweitung in Fachzeitschriftsaufsätzen in den letzten Jahrzehnten gut dokumentiert; dort werden die Danksagungen immer länger. Auch in den Fachartikeln der "reinen" Sozialwissenschaften wie der Soziologie ist die Tendenz stark steigend. Dies erhärtet die Vermutung, der Anstieg von Danksagungen habe etwas zu tun mit der immer großräumigeren Wissenschaftsproduktion: Je mehr Personen und Institutionen beteiligt sind, desto mehr muss gedankt werden. In der einzigen empirischen Untersuchung zu Danksagungen wurden die Aufsätze der amerikanischen Fachzeitschrift American Historical Review zwischen 1971 und 1990 unter die Lupe genommen. Ergebnis: Während der siebziger Jahre hatten 55,3 Prozent aller Aufsätze eine Danksagung, während der 1980er waren es schon 65,1 Prozent; wenn sich dieser Trend fortsetzt, wird in spätestens sechs Jahren kein einziger Fachartikel mehr ohne Dank publiziert.

Im Fahrwasser der Studentenrevolte wird nun auch Sekretärinnen gedankt