Über den Irakkrieg lässt sich streiten, über Kernkraftwerke und Mindestlohn. Über Zigaretten nicht. Rauchen oder nicht rauchen – das ist eine Glaubensfrage. Sie spaltet Familien, treibt Paare auseinander. Es ist ein Kampf, in dem jeder eine feste Überzeugung hat. Und es herrscht ein seltsamer Bekenntnisdrang. Wen man auch fragt, jeder outet sich. Jedes Gespräch über den Prozess vor dem Bundesverfassungsgericht, das in der nächsten Woche über die Rauchverbote in Gaststätten entscheiden wird, kommt nach ein paar Sätzen auf den Kern: "Ich rauche." Oder eben: "Ich rauche nicht." Und Sie, rauchen Sie? Manche fragen das den Reporter, der sich aufgemacht hat ins deutsche Raucherland, ehe sie irgendetwas sonst sagen, lauernd, als ende da jede Objektivität. (Der Reporter raucht nicht.)

Warum der Kampf ums Rauchen solche Emotionen entzündet, ist schwer zu sagen. Vielleicht weil das Rauchen buchstäblich eine innere Angelegenheit ist, weil es sich mit der Luft zum Atmen verbindet. Vielleicht weil das Rauchen in ungezählten Filmen und Songs jahrzehntelang als Ausdruck eines überlegenen Lebensgefühls stilisiert wurde. Oder weil die Raucher eine halbe Ewigkeit von einer brutalen Rücksichtslosigkeit waren, die sich jetzt gegen sie wendet. Gewiss ist aber, dass es beim Kampf um das Rauchen nicht nur um Gefühle geht. Es geht um Geld, um Gesundheit. Und, ja: um Freiheit.

Sylvia Thimm raucht. Wie viel, mag sie nicht sagen. Da endet die Bekenntnisfreude. Ihrer Stimme nach zu urteilen, sind es einige Schachteln am Tag. Und noch ein paar jede Nacht, wenn sie hinter dem Tresen ihrer Kneipe Doors im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg steht. Das Doors ist ein Unikum in dem rundumsanierten Latte-macchiato-Quartier, ein winziger, düsterer Raum, eine Theke, ein paar Holztische, vergilbte John-Lennon-Plakate an den Wänden. Aus den Boxen röhrt Rod Stewart. Das Doors ist, wie es im Fachjargon heißt, eine "getränkeorientierte Einraumgastwirtschaft". Zu Deutsch: eine Eckkneipe. Wer dort hingeht, will Bier trinken und Wodka, Whiskey oder Bacardi Cola. Und er will rauchen. Drei Viertel ihrer Stammgäste seien Raucher, sagt Frau Thimm. Rauchen und trinken, das gehört hier zusammen wie Hopfen und Malz. Wie Lucky und Strike.

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Aber jetzt ist das Rauchen verboten. Und deshalb trinken die Gäste weniger. Oder bleiben gleich ganz fort. Manche zechen zu Hause. Andere gehen in eine der größeren Gastwirtschaften, die separate Raucherstuben einrichten können, wo der Qualm keinen Nichtraucher stört. Sylvia Thimm aber hat dafür keinen Platz. Es gibt kein Hinterzimmer im Doors. Nur ständig sinkende Umsätze.

Im Frühjahr hat sich Frau Thimm deshalb einen Anwalt genommen, und der hat gemeinsam mit dem Staatsrechtler Heinrich Amadeus Wolff von der Universität Frankfurt (Oder) Verfassungsbeschwerde gegen das Rauchverbot erhoben. Seither hat das Doors eine gewisse Berühmtheit erlangt. Immer mal wieder kommen Fernsehteams vorbei. Und in Karlsruhe flehte Sylvia Thimm Anfang Juni die Bundesverfassungsrichter mit Tränen und viel Berlin in der Stimme an: "Bitte, hohes Gericht, treffen Sie die richtige Entscheidung. Es geht um meine Existenz!"

Es war der Moment, in dem all die vertrackten Probleme, über die sich Ärzte, Anwälte und Politiker einen Vormittag lang gestritten hatten, auf ein paar simple Fragen zusammenschnurrten: Sind die Rauchverbote, die seit dem 1. Juli in allen deutschen Gaststätten gelten, gerecht? Ist der Schutz der Nichtraucher es wert, dass Wirte wie Sylvia Thimm pleitegehen? Oder hat es der Staat beim Kampf gegen das Rauchen übertrieben, wird die Gesundheitspolitik allmählich zum Tugendterror?