In den Blumenkästen auf den Balkons stecken noch Fähnchen von der Fußball-EM, deutsche oder türkische, manchmal beide. Zwischen den grauen Wohnblocks und dem Zaun eines Gebrauchtwagenhandels wurden die Delinquenten entdeckt. »Hier standen sie«, sagt Michael Blumrich und deutet auf die Brachfläche, »73 Stück.« Seine Kollegen hatten ihn informiert, damit er die Funde dokumentiert und dann entsorgt. Blumrich rückte mit Kamera, Plastikbeutel und Gummihandschuhen an. Dann meldete er an die Zentrale: »Prinzenstraße Ecke Sebastianstraße frei von Ambrosia.«

Seit Mai sind im Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg »Ambrosia-Cops« unterwegs. Die Ein-Euro-Jobber durchkämmen die Stadt, um das Grünzeug zu erwischen, bevor es zu blühen beginnt. Der Pollen von Ambrosia artemisiifolia, dem Beifußblättrigen Traubenkraut, ist gefürchtet. Schon in kleinen Mengen ruft er allergische Reaktionen hervor, er führt schnell zu Asthma und verlängert die Allergiesaison um zwei Monate. »Etwa 15 Prozent der Patienten, die mit einer Allergie zum Arzt kommen, haben Antikörper gegen Ambrosiapollen«, sagt Karl-Christian Bergmann vom Allergiezentrum der Charité in Berlin. »Wie viele tatsächlich krank werden, kann noch niemand sagen.«

Unangenehm aufgefallen ist Ambrosia bisher vor allem in Ungarn, Italien, Frankreich und seiner Heimat Nordamerika. Nun scheint sie sich auch hierzulande auszubreiten. »Im Jahr 2006 haben wir einen starken Anstieg der Pollen festgestellt«, sagt der Allergologe Bergmann, der auch den Deutschen Polleninformationsdienst leitet. »Es werden häufiger größere Pflanzenbestände gefunden«, berichtet Uwe Starfinger vom Julius-Kühn-Institut (JKI), das im Bundesauftrag Kulturpflanzen erforscht. »Offenbar kann die Pflanze jetzt reife Samen bilden, begünstigt durch das wärmere Klima.« Das könne der Wendepunkt in der Ausbreitung sein.

Das JKI hat deshalb im vergangenen Jahr das »Aktionsprogramm Ambrosia« gestartet, um »Deutschland so weit wie möglich von Vorkommen der Art frei zu halten«. Dazu sei »die vollkommene Vernichtung der Pflanzen möglichst vor Beginn der Blüte anzustreben«. Zunächst jedoch soll das missliebige Kraut amtlich erfasst werden. Auf der Internetseite des JKI können Bürger und Behörden Vorkommen melden. Im vergangenen Jahr registrierte das Institut 700 Fundorte. Auch die Entdeckungen, die Blumrich in Berlin dokumentiert, landen in der Datenbank. In diesem Jahr waren es bisher elf.

Der Ambrosia-Fahnder ist unterwegs zum Bahnhof Ostkreuz, dort haben zwei Kollegen ein Zielobjekt gesichtet. Er läuft zur S-Bahn-Haltestelle, vorbei an Dönerbuden, Gittis Bierbar, Sushi-Restaurants und der Gaststätte Mittmann’s, die »Deutsche Küche« serviert. Der Zug fährt ins Ostkreuz ein. »Zwischen den Gleisen können wir nicht suchen, zu gefährlich«, sagt Blumrich. Auch Privatgrundstücke dürfen die Spähtrupps nicht kontrollieren. »Da können wir höchstens mal durch den Zaun gucken.«

Ganz anders ist das in der Schweiz, dort patrouillieren amtliche Ambrosia-Kontrolleure in leuchtend gelben Warnwesten auch durch private Gärten. Unter Ambrosia-Bekämpfern gilt die Schweiz als vorbildlich, an einem nationalen »Ausreißtag« wird das Kraut landesweit beseitigt. »Wenn man sich entscheidet, etwas gegen eine eingeschleppte Art zu unternehmen, dann muss man das mit voller Kraft machen, sonst bringt es nichts. Bei Ambrosia ist das in Deutschland mit Sicherheit noch nicht der Fall«, sagt der Ökologe Ingo Kowarik von der TU Berlin, Spezialist für biologische Invasionen.

Besonders der Keim der Traubenkraut-Invasion müsste besser bekämpft werden. Er steckt meist im Vogelfutter. Die Körnermischungen sind das wichtigste Transportvehikel der Ambrosia-Samen, auf diesem Weg kommen sie ins Land. Ökotest stellte fest, dass 15 von 18 Produkten Samen des Krauts enthielten. »Das Futtermittelrecht greift hier nicht, es gilt nur für unmittelbar schädliche Bestandteile«, sagt Starfinger vom JKI. Bisher hat das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz lediglich ein Merkblatt für die Futtermittelindustrie herausgegeben, eine gesetzliche Regelung gibt es nicht.