Dröge Zahlen, dröge Studenten: Das Massenfach Betriebswirtschaftslehre galt lange als uninteressant. Doch dies hat sich geändert. Fast alle Hochschulen geben sich in puncto BWL recht interdisziplinär

Lange galt das Fach Betriebswirtschaftslehre als genauso unattraktiv wie die, die es studierten: Dröge Zahlen, dröge Studenten. Dann kam der Internet-Hype und mit ihm die New Economy. Es wurde schick, Wirtschaft zu studieren, und ein jung-dynamischer Studententypus hielt Einzug an deutschen Universitäten.

Die neuen BWLer laufen in Sneakers herum und tragen Umhängetaschen aus Lkw-Plane. BWL wurde zum Massenfach, mit mehr als 160.000 Studierenden hat die Betriebswirtschaftslehre einen fast doppelt so großen Zulauf wie die ebenfalls populären Fächer Jura und Germanistik. Die Zahl würde sich noch einmal enorm vergrößern, rechnete man auch die Nebenfachstudenten hinzu.

"Angesichts dieses Siegeszuges müsste die Betriebswirtschaftslehre eigentlich ein Kraftzentrum in der deutschen Hochschullandschaft bilden", sagt Georg Schreyögg, Professor für Unternehmensführung an der Freien Universität Berlin. Stattdessen war das Abschneiden der Wirtschaftswissenschaften bei der Exzellenzinitiative für Schreyögg und viele Kollegen "eine bittere Enttäuschung". Lediglich mit zwei Doktorandenprogrammen und einem Exzellenzcluster, bei dem Bonner Mathematiker mit Ökonomen kooperieren, hatten die Wirtschaftswissenschaften bislang Erfolg.

Michael Schuster von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) sieht darin die "Spätfolge eines isolationistischen Kurses": Die "mittlere Größe" Deutschlands habe es den Betriebswirten hier länger als in vielen kleineren europäischen Wissenschaftsnationen erlaubt, einen in der Landessprache funktionierenden Forschungs- und Lehrbetrieb gegenüber der weltweiten Dominanz des Angelsächsischen aufrechtzuerhalten. Außerdem seien "Economics" und "Business and Management Science" als globale wissenschaftliche Communitys weniger gegeneinander abgeschottet als in Deutschland die Fächer VWL und BWL.

"In den letzten 10 bis 15 Jahren gab es zwar einen Generationswechsel im Fach, und gerade bei den Jüngeren ist eine stärkere internationale Orientierung erkennbar", meint Schuster, aber beim "internationalen Publikationsoutput" sei der Abstand zu den Volkswirten immer noch deutlich. "Die Publizierbarkeit von Ergebnissen in den führenden Journals der Welt ist aber nun mal der Maßstab, den die DFG anlegt", so Schuster.

"Die BWL kann bei der Exzellenzinitiative nicht punkten, weil viele Naturwissenschaftler mit Geringschätzung auf uns schauen", sagt Sönke Albers, Marketing-Professor in Kiel und Vorsitzender des Verbandes der Hochschullehrer für Betriebswirtschaftslehre. "Dass wir seit 15 Jahren teilweise mit denselben Methoden wie in der Physik arbeiten, das haben viele noch gar nicht gemerkt." Immer wieder dasselbe alte Vorurteil, mit dem die Betriebswirtschaftslehre zu kämpfen hat: Sie sei keine "richtige" Wissenschaft, keine akademische Disziplin im strengen Sinne.

"Die Betriebswirtschaftslehre ist keine Disziplin aus einem Guss", sagt der Berliner Professor Schreyögg. Das Einzige, was die vielen Teildisziplinen von der Steuerlehre über Finanzen bis zu Personalwesen und Marketing eint, sei die Betrachtung aus der Problemperspektive des Unternehmens. So könne sich die BWL auch mit dem Thema Alkohol beschäftigen, sagt Schreyögg, "wenn sich herausstellt, dass Alkoholismus in Betrieben eine verbreitete Krankheit ist und ein Problem für die Unternehmensführung darstellt". So entsteht dann leicht der Eindruck von Beliebigkeit, zuweilen auch Trivialität. Schreyögg sieht auch die Gefahr, dass sich die klassische BWL angesichts der zunehmenden Zahl von Bindestrichfächern wie Wirtschaftsinformatik, Wirtschaftsrecht oder Wirtschaftspsychologie in interdisziplinären Ansätzen verliert.